Von Anke Müller

JENA. – Die Jagd auf Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit ist offen, und die Zahl der Jäger wächst ständig. Erstaunlich finde ich angesichts der allgemeinen Hatz, wie gut das alte, das „zusammengebrochene“ System nach wie vor funktioniert: Während die ehemaligen Führungsoffiziere nun in den Führungsetagen der Wirtschaft sitzen, unerreichbar wie eh und je, finden sich erneut Denunzianten, die die Denunzianten denunzieren. Der Volkszorn steht auf, gefeiert und – da auflagensteigernd – auch gelenkt und genährt von diversen Gazetten. Er jagt alle davon (wohin eigentlich?), die möglicherweise inoffizielle Kontakte zu offiziellen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit hatten.

Dies ist, da die Listen lang sind, eine ergiebige Freizeitbeschäftigung, über der der ostdeutsche Michel allerlei anderes vergessen kann – beispielsweise, daß er seinerzeit den netten „Kriminalpolizisten“, die an seiner Haustür klingelten, bereitwillig Auskunft über den Lebenswandel seiner Nachbarn gab.

Im Augenblick ist nicht einmal die Vorlage von Beweisen für die Entlarvung eines Menschen als „Stasi-Spitzel“ nötig. In einer Situation, da die bloße Beschuldigung die Vernichtung einer bürgerlichen Existenz bedeuten kann, werden Redakteure zu Richtern, Personalchefs und Universitätskanzler zu Vollstreckern. Die brisanten Akten, deren Echtheit nur der Führungsoffizier und der jeweilige Spitzel (dem keiner mehr vertrauen wird) beurteilen können, laden geradezu zur Erpressung ein.

Eine Diktatur kann nur durch ihre Mitläufer existieren. Schuldig sind alle, die mitliefen: zu den Parteiversammlungen, zu den Wahlurnen und den Maidemonstrationen, zu den Pfingsttreffen und Militärparaden. Schuldig sind die Künstler, die sich Forderungen nach einem „sozialistischen Realismus“ bewußt beugten. Schuldig sind die Wissenschaftler, die nicht lehrten, was sie erkannten. Schuldig sind die Funktionäre, die die Realität so lange verbogen, bis sie den Parteitagsphrasen entsprach. Schuldig sind alle, die nicht sehen wollten, was nicht zu übersehen war. Schuldig sind alle, die weggingen, weil sich hier ja doch nichts änderte. Schuldig sind alle, die schwiegen, weil sie glaubten, ja doch nichts ändern zu können. Schuldig sind all jene, die Befehle ausführten, ohne ihre Berechtigung an ihrem Gewissen zu messen. Schuldig sind die Politiker, die Honecker die Hand schüttelten. Schuldig sind alle, die ohne Proteste Spalier standen – besonders im Westen. Schuldig sind jene, die den Bankrott einer Wirtschaft, von deren Zerrüttung sie wußten, mit Milliardenkrediten Jahr um Jahr hinausschoben. Schuldig sind jene, die dazu beifällig nickten. Schuldig, schuldig, schuldig.

Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein.

„Verschafft euch nicht selbst euer Recht, sondern überlaßt das dem Strafgericht Gottes. Denn es heißt: ‚Ich, der Herr, habe mir die Vergeltung vorbehalten, ich selbst werde sie bestrafen.‘ Das schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Seine Worte erzeugen Unzufriedenheit: Er mahnt uns, auf Rache zu verzichten.