Von Heinz Josef Herbort

Den Musikwissenschaftlern der strengen Observanz ist der Codex in der Turiner Biblioteca Nazionale mit der Signatur J II 9 natürlich bekannt. Aber schon die naheliegenden Lexika wiederholen nur die ziemlich allgemeine Zuweisung an einen „französischen Musikerkreis auf Zypern“ und die zeitliche Eingrenzung zwischen 1413 und 1422. „Ars nova – neue Kunst“ steht vor der Schublade, in die wir diese Musik einordnen. Das „Neue“: Zum einen wird sie offenbar von einem größeren Ensemble dargeboten – die Notenbücher haben ein größeres Format; zum anderen ist sie nach sehr strengen, fast mathematischen Gesetzen strukturiert, so daß die Aufführung ein hohes Maß an Informiertheit benötigt. Musik also für eine geistliche oder weltliche Elite, die sich diesen ökonomischen wie intellektuellen Luxus leisten kann: die Päpste, der Hof in Paris oder in Neapel. Wie kommt eine solche Preziose ausgerechnet nach Zypern? Über einen Kreuzzug. Richard Löwenherz hatte die Insel Ende des 12. Jahrhunderts erobert und der Familie Lusignan gegeben; die errichtete dort ein Königreich – und umgab sich prompt mit den feudalen Insignien der Kunstpflege. 219 „Kompositionen“ umfaßt der Codex, geistliche wie weltliche, alle sind anonym – 16 von ihnen wurden jetzt aufgenommen. Zunächst scheinen die Klänge eine fast archaische Strenge zu besitzen: starre Tongebung und dünne Instrumenten-Timbres lassen uns mehr auf die Ackordik hören. Aber bald schon entdeckt man, daß die einzelnen Linien weit interessanter sind: ihre rhythmische Vielfalt und Komplexität; ihre manchmal hartnäckige Widerborstigkeit, mit der sie sich aneinander reiben; die Unbekümmertheit, mit der sie über lange Strecken sich fast nicht umeinander zu kümmern scheinen; die im „Westen“ längst anachronistisch gewordenen „Unterterzklauseln“; die fast innig zu nennende Emotionalität, die sich vor allem in den weihnachtlichen Bezügen oder in der Marienverehrung niedergeschlagen hat. Sechs Gesangssolisten und sechs Instrumente in variierender Kombination: eine wahrscheinlich authentische Besetzung. Ob es freilich vor fünfeinhalb Jahrhunderten immer so exakt und sauber, so ausgefeilt artikuliert, auch so hautnah und doch zart geklungen haben mag?

  • „The Island of St. Hylarion – Music of

Cyprus 1413-1422“

Ensemble Project Ars Nova; New Albion Records NA 038