Dann fehlt uns dringend eine Untersuchung zur Psychologie des Dilettantismus. Denn der Dilettantismus, insbesondere in der Kunst und der Literatur, breitet sich nahezu seuchenartig aus. Der Dilettant des 18. oder 19. Jahrhunderts pflegte seine Passion im Geheimen. Man schämte sich des Gedichteschreibens und verriet es bestenfalls einem Herzensfreund. Man malte oder zeichnete zum eigenen Vergnügen, man schrieb lange Briefe und arbeitete darinnen den Impuls ab. Der Dilettantismus blieb dergestalt auf die Privatsphäre beschränkt. Heute nun ist er öffentlich geworden, er hat alle Scham und Zurückhaltung verloren und tritt fordernd auf. Er will gedruckt und unterstützt werden, staatlich gefördert und amtlich anerkannt. Und wenn man mich nach den Kehrseiten der Demokratie fragen würde, ich müßte an allererster Stelle diese Akzeptanz des Dilettantismus nennen. Und wir werden diesen Preis immer weiter zahlen, bis die letzten Reste großer und bedeutender Kunst und Literatur endgültig im Glibber des Trivialen untergegangen sind.

Günter Kunert in der „Welt“

Spuren, noch mehr Spuren

In der kleinen, mit immer neuen Überraschungen aufwartenden Buchreihe „Spuren“, die Thomas Scheuffelen vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar herausgibt, sind vier neue Bändchen erschienen. Das wollen wir gleich an die große Glocke hängen. Da fand also im September 1761 die erste Shakespeare-Aufführung statt, unter dem Titel „Der erstaunliche Schiffbruch“, womit „Der Sturm“ gemeint war. Wo wurde gespielt? Jawohl, in Biberach an der Riß, wo der spätere Dichter Christoph Martin Wieland damals Stadtschreiber war. Es spielte die „Löblich-Bürgerliche Comoediantengesellschaft“, die 1686 (!) gegründet worden war und bis 1725 im Komödienhaus in der Schlachtmetzig auftrat; dann erfolgte – wir sind in Deutschland! – die Trennung in zwei konfessionell getrennte Gesellschaften. Dies alles und viel mehr lernt man in dem Band „Wielands Komödienhaus in Biberach“ von Viia Ottenbacher und Heinrich Bock. Petra Neumann erforscht den badischen Heimatort Bollschweil der Dichterin Marie Luise Kaschnitz, Bernd Löffler den Zufluchtsort des Berliner Lyrikers und Übersetzers Hans Bethge (1876 bis 1946), Kirchheim/Teck. Bethge? Heute unbekannt – bis auf die Verse aus der „Chinesischen Flöte“ (1907), die Gustav Mahler für die symphonische Dichtung „Das Lied von der Erde“ verwendet hat. Und dann ist da noch der schöne Band, den Otto Jägersberg dem großen Arzt und Psychotherapeuten Georg Groddeck und dessen Aufenthalt in Baden-Baden widmet, wo der „wilde Analytiker“ dreißig Jahre lang ein Privatsanatorium geleitet hat. Und wir erinnern uns gern an Ingeborg Bachmanns Begeisterung für Groddeck, vor allem für sein „Buch vom Es“: „Ein glänzender Schriftsteller. Seine Prosa ist witzig, trivial, großartig.“ (Alle Bände 16 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Lageskizzen, kartoniert, je fünf Mark)

Umarmungswettbewerb

Die Preissumme, entnehmen wir der Verlautbarung der Jury, betrage 20 000 Mark und dürfe „als reell“ betrachtet werden: „Sie ist weder pompös noch poplig.“ Das wollen wir wohl meinen, so ist das in Hamburg, dem schließen wir uns an. Im übrigen: Jahraus, jahrein zieht uns die füllfederverarbeitende und tintenmelkende Industrie das Geld für den Schreibkram aus der Tasche – jetzt spritzen mal ein paar Kleckse zurück. Die Firma Montblanc schreibt zum zweitenmal ihren „Literaturpreis für kurze Geschichten“ aus. Teilnehmen darf jeder (Frauen sind nicht, Moment, das heißt doch, hier steht gar nichts, ja, sind wohl auch zugelassen!), also jeder und jede, der oder die noch oder schon einen Kuli halten kann – und zwar mit maximal zehn Schreibmaschinenseiten makelloser Prosa. Damit das ganze nicht so ausufert (hat man in Hamburg nicht gerne, Deichkatastrophe, Helmut Schmidt) sind nur solche 20 000-Mark-Bewerber zugelassen, die ernstlich etwas zu dem Thema des Preisschreibens zu sagen haben, welches lautet: „Die Umarmung“. Ja, genau: „Die Umarmung“. Also, Kurzschreiber, bitte merken: „Die Umarmung“, 10 Seiten à 30 Zeilen à 60 Anschläge, bis zum 15. Februar an die Montblanc-Simplo GmbH, Hellgrundweg 100, 2000 Hamburg 54.

Theater und Exil

Die tapfere Zeitschrift Exil, herausgegeben von Edita Koch, bringt zum zweitenmal einen umfangreichen „Sonderband“ heraus: „Exil – Theater und Dramatik 1933-1945“ dokumentiert eine Tagung der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur, die deren Leiter und Mitherausgeber von Exil, Frithjof Trapp, 1990 angeregt und organisiert hat. Die bedeutenden Exil-Forscher, von Henry Marx über Guy Stern bis zu Helmut Müssener oder Richard Dove: Hier sind sie versammelt mit Beiträgen zu einzelnen Ländern, zu Dramatikern (Horváth, Toller, Ferdinand Bruckner) oder Künstlern (Max Reinhardt, Helene Weigel). 326 lesenswerte Seiten für 39 Mark (Goethestraße 122, 6457 Maintal 2).