Von Christoph Türcke

Brasilien hat seinen literarischen Skandal. Ein politischer Fall, in dem sich vor Jahresfrist die Presse zu wälzen begann und der erst vor einem halben Jahr abgeschlossen schien, ist als Literatur wiedergekehrt. Eilends hat der Schriftsteller Fernando Sabino die Geschichte der blutjungen Wirtschaftsministerin Zelia Cardoso de Mello zu Papier gebracht. Sie hat ihm erzählt, wie alles gewesen ist, er hat’s bloß aufgeschrieben. Insofern ist der Autor – sie. Aber sie hat’s ja bloß erzählt; geschrieben, das heißt gestaltet hat er es. Er durfte all das sagen, was ihr so gut zu Gesicht steht – und nur schlecht, wenn sie es selbst sagt. Er konnte ihrem Wunsch nach Rechenschaft, Rechtfertigung; Selbstdarstellung, Wiederkehr die poetischen Flügel leihen, die ihr fehlen. Das Resultat, "Zelia – eine Leidenschaft", schlägt ein wie eine Bombe, geistert durch Fernsehen, Zeitungen, Alltagskonversation und wird im Radio als fortlaufende Lesung gebracht, "damit auch die Armen daran teilhaben können". Ein politisches Comeback durchs Medium der Literatur – das gibt es selbst in einer Welt, wo man als Schauspieler Präsident werden kann, nicht alle Tage.

"Roman der überraschendsten Figur unseres öffentlichen Lebens in der letzten Zeit", heißt der Untertitel. Das ist kaum übertrieben. Man hat in Europa wenig wahrgenommen, wie 1990 die erste brasilianische Regierung, die nach der Militärdiktatur aus einem breiten demokratischen Wahlverfahren hervorgegangen war, ins Amt trat. Der Kandidat der vereinigten Linken war knapp geschlagen – durch einen jung-dynamischen, von Medien und Industrie massiv unterstützten Gouverneur, der durchgreifende Modernisierung versprochen hatte – und mit einem kleinen Staatsstreich begann: nicht nur, wie angekündigt, neue Währung, Einfrieren der Preise, Steuererhöhung, Verringerung der öffentlichen Ausgaben – sondern über Nacht Blockierung sämtlicher Bankguthaben von mehr als 50 000 Cruzeiros (circa 300 Mark). Für eine Laufzeit von fünfzehn Monaten sollte keine Firma und keine Privatperson an ihr Geld kommen, der Inflation auf diese Weise radikal das Handwerk gelegt werden.

Die Geschichte dieser Regierung ist die Geschichte dieses Coups, und für dessen Plan zeichnete eine 36jährige verantwortlich, deren Werdegang nicht schlecht staunen läßt. Anfang der siebziger Jahre sehen wir Zelia als Hippie mit einer munteren Clique auf den letzten Tropfen Benzin durchs Land fahren oder eine elegante Silvestergesellschaft irritieren, sich für Marx, Lenin, die Beatles, Baden Powell und was sonst noch so im Schwange war begeistern, Ökonomie studieren, weil ihre Vettern das taten und sie "einfach der Mode folgte" – und schließlich seriös werden: "Der Dialektik ihrer marxistischen Studien zufolge hatte sie mit der These begonnen, nämlich ihrem bürgerlichen Familienleben bis zum Alter von vierzehn. Mit fünfzehn bis zwanzig ging sie zur Antithese über, in die Protestphase gegen Tradition, Familie und Eigentum. Schließlich gelangte sie zur Synthese: Ausübung eines Berufs, der ihr gestattete, zum Wohlergehen unseres Volkes beizutragen. Sie beschloß, sich mit Leib und Seele ihrer Doktorarbeit zu widmen: ‚Metamorphosen des Reichtums – São Paulo 1845-1895."‘

Und danach fällt sie unaufhaltsam die Karrieretreppe hinauf, lernt wie zufällig immer die richtigen Leute kennen, einen, der sie an die Botschaft in London ruft, einen, der sie in die Equipe des damaligen Wirtschaftsministers Funaro bringt, und schließlich den Präsidentschaftskandidaten, auf den sie setzt. "Von Anfang an fühlte sie große Affinität zu Collor, die ihr wechselseitig schien. Auch er zeigte das Bemühen, Brasilien zu verändern." Aber damit man nicht mißversteht: Für Collor hegte sie nur "ein gehobenes Gefühl, das vermischt war mit dem Staatsbürgergefühl bei der Verteidigung der öffentlichen Angelegenheit und die Grenzen ihrer rein weiblichen Natur überstieg". Was sie nicht hindert, auf die Journalistenfrage, ob sie den Sieg für Brasilien, für sich oder für Fernando wolle, zu antworten: "Für Fernando." In Pressekreisen beginnt es zu rumoren: "Diese Frau ist verliebt in Collor."

Damit ist das Niveau erreicht, auf dem der Autor Zelias Geschichte spielen läßt: "Nichts macht sie leidenschaftslos, bei allem, was sie tut, muß sie ihr Gefühl einsetzen." Und war’s nicht schon immer so? War sie nicht schon von klein auf ganz auf Liebe eingestellt? Und wir bekommen ausgiebig die stattliche Trophäenschau ihrer jungen Jahre vorgeführt. Immer war Zelia für einen Mann oder für eine Idee entflammt – und unversehens erhellt, warum sie so engagiert an dem spektakulären Wirtschaftsprogramm arbeiten konnte. Ihre Leidenschaft gab den trockenen ökonomischen Fakten Seele ein und stiftete den Zusammenhalt der Arbeitsgruppe – "nicht von Verwaltungsbeamten oder Bürokraten, sondern von jungen Fachleuten größter Kompetenz und Kreativität, die in Harmonie, mit Hingabe, Enthusiasmus und Patriotismus arbeitete, ohne ein anderes Interesse als die Verteidigung der öffentlichen Angelegenheit". Gefühl für die Wirtschaft, Gefühl für die Mitmenschen: "Sind Sie sich bewußt, daß viele Leute leiden und sogar sterben werden infolge unseres Programms?" fragt Zelia den Präsidenten. "Weil ihr Geld blockiert sein wird und sie keine ärztliche Behandlung bekommen? Daß viele nicht einmal Geld zum Essen haben werden? ... Collor schwankte nicht eine Sekunde, noch ließ er zu, daß sie schwankte; er ordnete an, daß sie alles täten, um den Plan zum Amtsantritt fertig zu haben."

Wo so viel Gefühl ist, da wäre es gelacht, wenn es in der neuen Regierung nicht auch den fände, an den es sich vergeben darf. Justizminister Bernardo Cabral "behandelte sie mit der väterlichen Zuneigung, die ihr so fehlte seit dem Tod ihres Vaters". Kurzum, es beginnt eine Liebesgeschichte zwischen Wirtschafts- und Justizministerium – er bereit, sich für sie scheiden zu lassen, sie bereit, das zu glauben, beide bereit, ihr-Verhältnis bis zur Scheidung zu verheimlichen, und verwundert, daß die Presse sich darüber wundert, sie mal in diesem Restaurant und mal an jenem Wochenende gemeinsam anzutreffen. Die Sache wird ruchbar, Bernardo fängt an, sich mit seiner Frau sehen zu lassen, der Presseklatsch blüht, der Präsident fürchtet um seine Regierung, und schließlich wird Zelia 37. Als sie unter den Augen der Öffentlichkeit den Geburtstagskuchen anschneidet, begleitet von dem Rundgesang "Mit wem, mit wem wird Zelia sich verheiraten?", sagt Bernardo laut vernehmlich: "Ich hoffe, mit mir." Dann tanzen die beiden bedeutungsvoll, und dann dies: Die Etikette verlangt, daß beim Geburtstagsbankett der Außenminister rechts neben ihr sitzt, der Justizminister nur gegenüber. "Deswegen machte er ein langes Gesicht und schaute sie nicht mehr an. Wenn sie ihm zutrank, senkte er das Gesicht. Wenn sie das Wort an ihn richtete, antwortete er nicht. Und so während des ganzen Diners. Für eine sensible Seele wie die des Geburtstagskinds war das eine arge Provokation. Beklommen merkte sie, daß ihr die Tränen kamen. Sie verließ den Tisch und flüchtete sich in den Garten." Kaum hatte sie sich gefangen und war zurückgekehrt, "erhob er sich ostentativ und verließ die Tafel wie um wegzugehen. Sie ließ alle Konventionen beiseite und folgte ihm. Im Garten holte sie ihn ein: Was ist mit dir? Er warf ihr vor, ihre Autorität nicht zu gebrauchen zu wissen, und es entspann sich eine Diskussion." Lia, Zelias Freundin, "gesellte sich zu ihnen und sagte, sie bliebe da, als nähme sie an der Unterredung teil, damit sie nicht derartige Aufmerksamkeit erregten und aller Welt offenbarten, daß es etwas zwischen ihnen beiden gäbe".