Das Fernsehen stiehlt unseren Kinder die Geheimnisse, wie wir durch Neil Postman wissen. Es macht die Aktiven aktiver und die Passiven noch passiver, wie uns Soziologen belegen. Das Fernsehen benebelt uns wie einst Narziß, als er sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche betrachtete. Und: Das Fernsehen läßt uns in abstrakter Genußsucht schwelgen. Wir wollen nicht, was wir haben – wir haben nicht, was wir wollen. Also suchen wir, ob sich nicht etwas Besseres findet.

Unser Mittel für diesen Zweck ist die Fernbedienung, mit der wir aus einer Nähe von zwei bis vier Metern durch die Kanäle beamen. Varatio delectat... Das Channel-Hopping, Zapping oder Switching – das Umschalten per Infrarotbefehl – reduziert die Ausschnitthaftigkeit des Fernsehens noch weiter auf optisch-akustische Bruchstücke: zehn Sekunden Information – drei Minuten Sport – neunzig Sekunden Fernsehspiel – fünf Sekunden Undefinierbares im Offenen Kanal – eine Minute „Was nun, Herr Kanzler?“.

Dichter – ernsthafte jedenfalls – kündigen die Zusammenarbeit mit dem Fernsehen auf. Verständlich, wo jeder Versuch einer Parataxe vom Suchstrahl gekillt wird. ARD und ZDF bemühen sich, die Hopserei durch entgegenkommende Programmangebote wie den Zwei-Kanal-Krimi „Mörderische Entscheidung“ („Umschalten erwünscht!“) zu kanalisieren – bislang ohne meßbaren Erfolg.

Es gibt somit ein Fernsehzeitalter vor und eines nach Erfindung der Fernbedienung. Sie war wohl in erster Linie zur Förderung des mündigen Bildschirmbürgers gedacht, als erwiesen war, daß die Fernsehnachrichten sowieso kaum jemand (richtig) versteht, daß Unterhaltung durchaus nicht unterhaltsam und Entspannung sehr aufreibend sein kann. Heute genügt der sanfte Druck auf die Taste zur Flucht – und die Wanderungsbewegungen sind enorm.

Eingeweihte sagen voraus, daß die nächste Revolution im Fernsehen dann einsetzen wird, wenn alle Welt endlich weiß, daß Sehbeteiligung sich gar nicht messen läßt. Denn obwohl Abend für Abend Millionen, mit ihren Fernbedienungen bestückt, vor den flimmernden Apparaten sitzen – es wird überhaupt nicht ferngesehen! Es wird nur gesucht. Alexander Kulpok