Wer erschoß John F. Kennedy? Auch Oliver Stone weiß es nicht. Aber er zeigt es.

Abraham Zapruder hatte sich auf eine Betonmauer gestellt. Von hier aus konnte er über die Köpfe der wartenden Menge hinweg gut die Dealey Plaza überblicken, den Platz, den die Elm Street überquerte, bevor sie stadteinwärts in einem Tunnel verschwand. Zapruder hatte eine Acht-Millimeter-Automatikkamera dabei. Als der Wagen des Präsidenten in sein Sichtfeld kam, drückte er auf den Auslöser.

Abraham Zapruder ließ seine Kamera knapp zehn Sekunden lang laufen. Er filmte, wie der Präsident plötzlich zu winken aufhörte, wie er sich mit beiden Händen an den Hals faßte und auf dem Rücksitz nach vorn beugte. Er filmte die Wolke aus Blut, Haaren, Knochen und Gewebe, die vom Kopf des Präsidenten wegflog, den Ruck, mit dem sein Körper nach hinten gerissen wurde, bevor er zur Seite sank, und das Entsetzen seiner Frau Jackie, die auf das Heck des Fahrzeugs kroch, um Hilfe zu holen. Dann setzte Abraham Zapruder die Kamera ab, um der Wagenkolonne nachzublicken, die mit dem sterbenden John F. Kennedy davonfuhr. Das war am 22. November 1963 in Dallas, Texas, um 12.30 Uhr Ortszeit.

Nach dem Attentat wurden Abraham Zapruders Aufnahmen den Mitgliedern der Warren-Kommission vorgeführt, die im Regierungsauftrag den Tathergang aufklären sollte. Dann lagerte der Film fünf Jahre lang in einem New Yorker Tresor der Zeitschrift Life. Erst 1968 wurde er der amerikanischen Öffentlichkeit gezeigt. Aber schon wenige Jahre später versicherten drei Viertel der Amerikaner bei einer Umfrage, sie hätten die Ermordung Kennedys live im Fernsehen miterlebt. Ebenso viele glaubten, daß der Präsident nicht, wie es der Warren-Untersuchungsbericht behauptete, von dem Einzeltäter Lee Harvey Oswald getötet wurde, sondern daß er einer Verschwörung zum Opfer gefallen war.

Inzwischen gibt es mehrere Dutzend Bücher und einige Filme, die zu erklären versuchen, was am 22. November 1963 in Dallas geschah. Es gibt Theorien über ein internationales Komplott, an dem wechselweise die Mafia, das FBI, die CIA, der "militärisch-industrielle Komplex", die Exilkubaner, Fidel Castro und die Sowjetunion beteiligt sein sollen. Aber noch immer ist Abraham Zapruders Dokumentarfilm das einzige unumstößliche Zeugnis von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten. Er beweist nicht, daß Oswald oder irgendein anderer der Täter war. Er beweist überhaupt nichts. Aber er gräbt sich ein in das, was wir immer noch das kollektive Gedächtnis nennen, obwohl es längst ein gewaltiges, fragwürdiges Bilder-Reservoir geworden ist.

Seit neuestem gibt es einen Film, der Zapruders Wahrheit überbieten will. Oliver Stones "John F. Kennedy – Tatort Dallas" erzählt die Geschichte von Jim Garrison (gespielt von Kevin Costner), der als Bezirksstaatsanwalt in New Orleans eine waghalsige Verschwörungstheorie austüftelt, die er in einem Sensationsprozeß vergeblich zu beweisen versucht. Aber während der authentische Garrison bei Stone wie eine erfundene Figur erscheint, wirken die fiktiven, mit einem Kennedy-Double gedrehten Bilder des Attentats auf verstörende Weise "echt": grobkörnige, unscharfe, sekundenkurze Scheindokumente, Wahrheitsfiktionen, die den Unterschied zwischen Realität und Inszenierung virtuos und skrupellos verwischen. So könnte es gewesen sein, sagt Jim Garrison. Aber Stone zeigt: So war es. Im Kino gibt es keinen Konjunktiv.

Oliver Stone weiß, daß "JFK" (Originaltitel) ein rein hypothetischer Film ist. Aber er vertraut auf die Suggestionskraft der Kino-Bilder, die falsche und echte Zeugnisse allmählich ununterscheidbar macht. Wenn Stones Rechnung aufgeht, werden sich bald eine Menge Leute daran erinnern, wie sie die Ermordung Kennedys auf der Leinwand "gesehen" haben. Und Abraham Zapruder wird nur noch ein Zeuge unter den vielen sein, die in "JFK" zitiert werden. So wird eine Wahrheit zur Fiktion. Und eine Fälschung zum Dokument.

Andreas Kilb