Theo Waigel will Schummlern an der Börse das Leben schwermachen: Ein Bundesaufsichtsamt für das Börsen- und Wertpapierwesen soll künftig für saubere Verhältnisse auf dem Parkett sorgen. Die Errichtung der neuen Behörde steht im Mittelpunkt eines umfassenden Konzeptes "zum Finanzplatz Deutschland", das der Finanzminister vorige Woche der Öffentlichkeit vorstellte. Ziel ist es vor allem, das Finanzzentrum Frankfurt zu stärken und das durch Skandale erschütterte Image der deutschen Banken und Börsen aufzupolieren. In Frankfurter Bankenkreisen wurde Waigels Vorstoß wohlwollend aufgenommen, weil man sich eine Verbesserung der eigenen Stellung im internationalen Wettbewerb erhofft. Aus Sicht der privaten Anleger lassen die Pläne des Ministers jedoch viele Wünsche offen.

Eine gründliche Börsenreform war in Deutschland überfällig. Seit Jahren schon drängt die Lobby der Finanzbranche in Bonn auf eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Börsengeschäfte, da die Bundesrepublik sonst den Anschluß an die internationale Entwicklung verliere. Auch Hessens sozialdemokratischer Wirtschaftsminister Ernst Welteke warnte erst vor wenigen Monaten, der Finanzplatz Deutschland drohe in die "Zweitklassigkeit" abzusteigen, falls Theo Waigel nicht schleunigst handle.

Eigentlich haben die Deutschen beste Voraussetzungen, um in der internationalen Finanzwelt ganz vorne mitzuspielen: eine hohe Stabilität, eine unabhängige Notenbank und eine hohe Sparquote. Dennoch entspricht der deutsche Finanzmarkt bei weitem nicht der weltwirtschaftlichen Bedeutung der Bundesrepublik. Schuld daran ist vor allem das zurückgebliebene Börsensystem. Es fehlt an zuverlässigen Aufsichtsgremien, an transparenten Marktstrukturen. An der Frankfurter Wertpapierbörse zum Beispiel weiß niemand außer den Akteuren selbst, was sich Tag für Tag auf dem Parkett tatsächlich abspielt. Zwar finden regelmäßige Marktkontrollen statt. Doch Kontrolleur ist nicht eine starke und unabhängige Institution, es sind vielmehr die teilnehmenden Kreditinstitute selbst.

Wie weit dieses System, hinter den Ansprüchen der internationalen Finanzwelt zurückbleibt, machte im vergangenen Jahr eine für die deutsche Börse höchst peinliche Entscheidung der amerikanischen Wertpapieraufsichtsbehörde (SEC) deutlich: Die weltweit angesehene Institution lehnte die Aufnahme des Handels von Optionen auf den Deutschen Aktienindex an der Wall Street mit der Begründung ab, in Deutschland sei die Börsenaufsicht völlig unzureichend.

Daß die Bedenken der Amerikaner berechtigt waren, offenbarte die jüngste Skandalwelle an Frankfurts Börse. Erst wurden Ermittlungen wegen Insidergeschäften eingeleitet, dann wegen massenhafter Steuervergehen und wegen Untreue. Inzwischen ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen weit mehr als 250 Börsianer. Und zum Jahresschluß flogen auch noch unsaubere Geschäfte der Kursmakler auf, die mittels sogenannten Dividenden-Stripping den Fiskus um Millioneneinnahmen gebracht haben sollen.

Vielen ausländischen Investoren sind die Usancen an den deutschen Börsen schon lange suspekt. Und die Verzettelung des Handels der wichtigsten Aktien auf acht Regionalbörsen erschwert es Außenstehenden noch zusätzlich, den Überblick zu behalten. Nicht wenige bleiben den deutschen "Insiderbörsen" deshalb fern und kaufen ihre D-Mark-Wertpapiere außerhalb des regulären Börsenhandels oder an ausländischen Märkten – vor allem in Großbritannien. Der Handel mit deutschen Standardaktien in London erreicht an manchen Tagen bis zu einem Drittel des Gesamtumsatzes in diesen Werten. Selbst große Posten urdeutscher Papiere wie etwa Bundesanleihen werden an der Themse ge- und verkauft.

Diese Distanz vieler potenter Investoren zur deutschen Börse verschärft ein anderes Problem: den latenten Liquiditätsmangel. Mangels (Geld-) Masse führen Großaufträge, die in London geräuschlos abgewickelt werden können, in Frankfurt zu starken Kursausschlägen. Aus dem gleichen Grund kommt es immer wieder zu auffälligen Kurssprüngen, wenn an der Deutschen Terminbörse bestimmte Terminkontrakte fällig werden und Händler sich mit Aktien eindecken müssen. Unberechenbare Kursschwankungen aufgrund mangelnder Liquidität sind jedoch Gift für einen Kapitalmarkt, da sie die Verlustrisiken der Anleger erhöhen.