Die berstenden Mauern des Stalinismus haben eine Weltordnung eingerissen, deren Fundamente auf gut der Hälfte des Globus von menschenverachtenden Diktaturen getragen wurden. In den Trümmern dieser zerbrochenen Weltordnung wuchern jetzt unübersehbare Gefahren auch für den schon ehedem freien Teil der Völker. Diese beginnen zu begreifen, daß die Mauern des kommunistischen Gefängnisses nicht nur Unterdrückung nach innen, sondern zugleich auch Stabilität nach außen bedeuteten: Wir im Westen waren insofern Profiteure der marxistisch-leninistischen Tyrannei jenseits unserer Grenzen.

Schon beginnen einige zu zweifeln, ob eine Welt in Freiheit auch eine Welt des Friedens sein könne. Nicht nur bei den heute Befreiten, die von dem katastrophalen Wirtschaftserbe des Sowjetimperiums nahezu erdrückt werden, spürt man gelegentlich einen Hauch von Nostalgie für die "gute alte Zeit" der obrigkeitlichen Versorgung. Auch bei uns blickt mancher inzwischen sehnsüchtig zurück auf die Jahre der "Ordnung" des Kalten Krieges. Daß diese "Ordnung" an sich selbst – und nicht von außen erschüttert – zugrunde ging, wird dabei oft schon wieder vergessen.

Es war eben keine Ordnung, die Menschen, in Freiheit befriedet, geschaffen hatten. Deswegen konnte sie – anders als die über 200 Jahre alten Vereinigten Staaten – kaum 70 Jahre bestehen. Die Geschichte hatte die Kunstfigur der kommunistischen Gesellschaft schlicht überholt.

Wohl von Präsident Bush stammt die Forderung nach der new world order, nach einer Neuen Weltordnung, wie es im Deutschen noch anspruchsvoller heißt.

Was ist gemeint? Manchmal scheint es, als stehe hinter diesem Begriff erneut die naive Vorstellung von einer Gestaltbarkeit der Geschichte nach den Wunschvorstellungen und Reißbrettentwürfen von Polit-Architekten. Während uns in Europa noch die letzten Splitter solcher Kunstgebilde, die eine menschen- und geschichtsferne politische Überheblichkeit der Siegermächte des Ersten Weltkrieges auch in Jugoslawien geschaffen hatten, um die Ohren fliegen, wächst schon wieder der Wunsch nach grenzziehenden festen Ordnungssystemen, die uns jedoch nur die Illusion von Schutz und Sicherheit geben könnten.

Die Geschichte ist nur scheinbar ein Produkt menschlichen Planens und Handelns. Unser kurzer, nur vier- oder fünftausend Jahre überschaubarer Geschichtsabschnitt ist ja in Wahrheit nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus der um ein vielfaches längeren Geschichte der Menschheit. Der Prozeß dieser Evolution ist es, der mit immer größerer Beschleunigung die großen Linien auch der politischen Entwicklung bestimmt.

Irrelevante Spekulation? L’art pour l’art politischer Philosophie? Ich meine, nein. Denn wenn uns die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte etwas gelehrt haben könnte, dann wohl dies: Nicht starre Macht sichert das Überleben, sondern die flexible Fähigkeit zur Veränderung. Und daraus folgt: Es ist weniger wichtig, feste Staatsgebilde zu konstruieren, als die Prozesse zu ordnen, die ihre friedliche Veränderung ermöglichen. Oder anders ausgedrückt: Es sind die Verfassungen, auf die es ankommt, und weniger die ihnen übergestülpten Staatsgebilde.