Was Asylbewerbern als Unterkunft zugemutet wird

Osnabrück

Im Südwesten der Stadt, kurz vor dem Ortsausgang, liegt eine verlassene Autowerkstatt, auf dem Hof stehen beige, blaßgelbe, graue Trabis und Wartburgs. Etwas dahinter befindet sich das "Get Crazy", ein Flüchtlingsheim. Die Fenster sind mit Sperrholz-Platten vernagelt, und nur die Bierreklame über dem Eingang deutet noch darauf hin, daß das "Get Crazy" früher als Diskothek einmal bessere Tage gesehen hat. Heute wirkt die Kulisse so traurig wie die Geschichten, die sich hinter ihr verbergen: Ein Heimbewohner, ein junger Kroate aus Vukovar, sagt, er werde wohl nie nach Hause zurückkehren können – "my town is destroyed". Und gerade sei ihm alles geklaut worden, er habe jetzt nichts mehr, keine Papiere, gar nichts. Das Heim sei "no good" – die Tür nicht abschließbar, schon seit Monaten nicht mehr.

Verstopfte Toiletten

Die Zustände im "Get Crazy" seien "menschenunwürdig", schreibt die Initiative gegen faschistische Angriffe auf Ausländer und Ausländerinnen in einem Flugblatt. Die Gruppe mit dem kämpferischen Namen betreibt nicht nur Stimmungsmache, sie stellt auch detaillierte Mängellisten auf, die den Rat der Stadt beschäftigen: Da wird das kaputte Schloß der Eingangstür verzeichnet, aber auch, daß Notruf und Telephon ebenso fehlen wie ein Erste-Hilfe-Kasten und eine Außenbeleuchtung. Die Duschen seien undicht, die Toiletten verstopft. Die Herde in der Küche funktionierten nicht, eine Waschmaschine gebe es nicht, Tische fehlten, und auf der Spüle stapelten sich Berge von schmutzigem Geschirr. Einer der bewohnten Räume sei unbeleuchtet, und in den anderen fehlten Raumteiler Resümee am Ende der Liste: "Allgemeinzustand sehr schlecht." Inzwischen hat sich herausgestellt, daß sich vor neun Monaten einer der Flüchtlinge umgebracht hat. Die genauen Umstände hält der Oberstaatsanwalt – wie bei Selbstmorden üblich – unter Verschluß. Serben und Kroaten wurden Betten im gleichen Zimmer zugewiesen, hinter der Theke auf dem Boden schlief ein Pärchen, eine Familie lagerte neben der zugigen Eingangstür – ihr Kind, ein zwei Monate alter Säugling, mußte wenig später ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Hier half nicht das Sozialamt, sondern Nachbarn von der Illoshöhe, einem wohlhabenden Wohnviertel in der Nähe: Die Flüchtlingsfamilie wurde privat untergebracht. Die Nachbarn kümmerten sich in der einsamen Weihnachtszeit, und einer von ihnen, Peter Wünning, schaut zweimal in der Woche nach dem Rechten. Auch andere Initiativen helfen: Die Hausfrau Rosemarie Helle-Tepe zum Beispiel hat Teller und Tassen, Pullover und Unterhosen, Decken und Schals gesammelt und ins "Get Crazy" gebracht. Dazu ist öffentlicher Druck gekommen – vom Verein Exil, der Initiative gegen faschistische Angriffe auf Ausländer und Ausländerinnen und der Evangelischen Studentengemeinde: Sie haben Flugblätter verteilt und eine Podiumsdiskussion organisiert, über die die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet hat.

Einige Mängel sind denn auch inzwischen behoben: Zur Zeit ist nur ein Zimmer bewohnt und das unbeleuchtete Zimmer verbarrikadiert. Ein anderes und die Halle, in der mehr als fünfzig Klappbetten stehen, sind abgeschlossen. Die Küche ist sauber, in den Duschen und Toiletten riecht es nach Reinigungsmittel. Auch einen Erste-Hilfe-Kasten gibt es jetzt, allerdings mit dürftigem Inhalt: ein Verbandspäckchen mit dem Stempel "10. Februar 1976", einige lose Pflaster, eine Schere. "Es passiert ja auch was. Aber warum muß da erst jemand von außen kommen? Merkt so ein Amt das nicht von selbst?" fragt Lioba Meyer, die neue Stellvertretende Bürgermeisterin, die von den Grünen aufgestellt worden ist.