Hat er oder hat er nicht? Kaum tritt der amerikanische Wahlkampf in seine erste ernstzunehmende Phase, da wird das Wahlvolk schon ins Abseits gelockt. Ob der Kandidat Bill Clinton außereheliche Affären gehabt habe, beschäftigt jetzt die Boulevardpresse. Ihre Rechtfertigung: Charakterforschung. Will einer – so das Argument – Präsident werden, muß alles auf den Tisch.

Bill Clinton ist zum fünften Mal Gouverneur des südlichen Bundesstaates Arkansas. Er kann Erfolge vorweisen und führt das Rudel der demokratischen Präsidentschaftsbewerber in der Meinung der Wähler von New Hampshire an – so weit sie schon eine haben. In drei Wochen sind dort die ersten Vorwahlen, und sie werden von jeher ernst genommen.

Gewerkschaften wie jene der Lehrer haben schon wissen lassen, daß sie seine Kandidatur unterstützen. Auch demokratische Abgeordnete im Kongreß äußern sich zustimmend. Denn Bill Clinton ist nicht nur ein packender Redner, er ist auch, was demokratische Präsidentschaftsbewerber in der jüngeren Vergangenheit so oft nicht waren: eine Integrationsfigur für die verschiedenen Parteiflügel.

Er ist weder als liberaler noch als konservativer Demokrat abzustempeln. Vielleicht, so meinen nach Klarheit strebende Analytiker, würde ihm gar der politische Seiltanz vieler seiner Vorgänger erspart bleiben: bis zur Kandidatenkür auf dem Parteikonvent den linken Demokraten huldigen zu müssen und erst dann mit der Werbung um die Wähler beginnen zu können. Clinton ist mit 45 Jahren jung, verfügt aber über eine Menge Erfahrung. Und er ist für Amerika ein neues, offenbar sympathisches Gesicht.

Da wirft eine Supermarktpostille die Geschichte auf den Markt, daß Bill Clinton sich mit öffentlichen Geldern fünf Affären geleistet habe. Die Story beruht auf der gerichtlichen Klage eines Mannes, der aus den Diensten des Gouverneurs wegen Hunderter privater Ferngespräche gefeuert worden war. Das Gericht hat damals die Klage abgewiesen. Die inkriminierten Damen bestreiten alle fünf eine Beziehung zu Clinton. Und trotzdem geht die Geschichte um. "Mal sehen, wie er darauf reagiert", so wird der Chefredakteur der New Yorker Daily News zitiert. Da stellt dann eben ein Reporter in der Pose des Großinquisitors die "Hat-er-oder-hat-er-nicht"-Frage, als ginge es um nichts weniger als das Schicksal der Nation. Mehr und mehr Amerikaner sehen freilich, daß das Motiv der Charakterforschung bloß ein Vorwand ist. Es ist viel bequemer – und für die Boulevardpresse auflagensteigernd –, sich an Schwächen von Kandidaten zu erlaben als sich mit den unerfreulichen Themen der amerikanischen Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

Die seriösen Zeitungen haben den Clinton-Klatsch bisher mit spitzen Fingern angefaßt. Sie wissen, warum. Wenn gewisse Schleusen auch nur um ein paar Zentimeter geöffnet werden, wird die Flut eines schmutzigen Wahlkampfes kaum zu halten sein. Daß republikanische Wahlkampfstrategen schon jetzt mitmischen, wird vorläufig erst orakelt. Daß sie aber, wenn George Bush gefährdet erscheint, vor nichts zurückschrecken, das haben sie 1988 bewiesen.

Amerika verdient es besser, braucht es besser, und zwar dringend. Die Öffentlichkeit erneut mit zweitrangigen Fragen abzulenken, sei es durch patriotischen Rummel, sei es mit dem erhobenen Zeigefinger der Moral, ist gefährlich. Bill Clintons Ehefrau Hillary hat öffentlich und mutig ihren Mann verteidigt: "Ist irgend etwas über unsere Ehe für die Wähler in New Hampshire so wichtig wie die Frage, ob sie in dieser Rezession ihre Familien noch zusammenhalten können?" Die Frage allein hat der gescheiten Frau auf einer Versammlung in New Hampshire kräftigen Beifall eingetragen. Und dann hat sie noch gesagt: "Die Öffentlichkeit kann genug darüber erfahren, ob ein Kandidat ein anständiger Mensch ist, ohne jemanden so auseinanderzunehmen, daß am Ende nichts mehr von ihm übrigbleibt."

Ulrich Schiller (Washington)