Für eine Richterin, die im Namen des Volkes Recht sprechen soll, redet sie leise, viel zu leise. Und für den Beinamen "Rote Cathrin", den die Berliner Boulevardpresse ihr angehängt hat, wirkt sie um etliches zu schüchtern und zu zerbrechlich: Cathrin Junge, Ostberliner Richterin im Wartestand und seit Oktober Streitfall in den Berliner Medien und im Senat.

Seit drei Monaten geht die Auseinandersetzung, ob die 29jährige Juristin trotz ihrer Mitgliedschaft in der PDS in das Richteramt übernommen wird. Eine zustimmende Entscheidung des Richterwahlausschusses hatte der Senat mit einem umstrittenen Beschluß kurz vor Weihnachten gekippt. Jetzt soll das Gremium erneut befinden. Dabei geht es gleich mehrfach ums Prinzip: um das der Rechtsstaatlichkeit, der freiheitlich demokratischen Grundordnung, der Unabhängigkeit von Richterwahlausschüssen, der Art des Umgangs zwischen zwei Koalitionsparteien und und und.

Hinter all diesen Prinzipien verschwimmt, worum es auch geht: um ein Stück Geschichte der DDR, um eine gar nicht so untypische ostdeutsche Biographie und um einen zum Fall gewordenen Menschen Cathrin Junge – die "PDS-Richterin".

Als Cathrin Junge ihr Jura-Studium begann, war ihr zwar schon klar, "daß der Richterberuf ein anderer Beruf als Verkäuferin oder Schlosser ist". Aber daß die Justiz auch ein Machtinstrument und ein Ort politischer Entscheidungen ist, sei ihr damals nicht bewußt gewesen. Nach dem Examen kam Cathrin Junge 1988 als Familienrichterin an das Stadtbezirksgericht Hohenschönhausen im Norden Berlins. Heute weiß sie, daß sie mit diesem Posten Glück gehabt hat. Nicht nur weil Familienrecht ihr ausgesuchtes Spezialgebiet war, sondern weil sie dort in einem Bereich eingesetzt war, der politisch relativ unverfänglich war. Wenn sie zur Strafrichterin beordert worden wäre – "ich hätte von meiner damaligen Einstellung her auch das getan", gesteht Cathrin Junge ohne Nachfrage ein. "Die Wende hat mich davor gerettet, mich weiter zu verstricken."

Dank des glücklichen Zufalls hat sie so nur mit Ehescheidungen, Sorgerechtsbeschlüssen, Unterhaltsregelungen oder Pfändungsbeschlüssen zu tun. In einem Fall spricht sie einer Mutter, die gerade einen Ausreiseantrag gestellt hat, das Sorgerecht für die Kinder zu. "Aber", wehrt Cathrin Junge ab, "das war keine Heldenentscheidung." Das sei einfach rechtlich und menschlich das Vernünftige gewesen. Mit politisch brisanten Fällen, wie etwa Zwangsadoptionen von Kindern politisch mißliebiger Eltern, ist sie in ihrer zweijährigen Richterlaufbahn wissentlich nicht befaßt – mit einer Ausnahme.

1988 flüchtet Cathrin Junges jüngere Schwester über Ungarn in die Bundesrepublik. Ein Schritt, den sie damals als Katastrophe empfindet, weil sie ihn nicht versteht. "Ich habe die Mauer nicht begrüßt, aber ich war der Auffassung, sie sei notwendig. Die Schüsse an der Mauer haben uns damals schon bewegt, aber wir haben sie akzeptiert." Wenige Monate nach der Flucht der Schwester hat Cathrin Junge turnusmäßigen Dienst als Haftrichterin für ganz Ost-Berlin. Eine unangenehme Aufgabe, die alle Richter einmal im Jahr übernehmen müssen. An diesem Tag hat sie über einen jungen Mann zu entscheiden, der in Berlin durch die Spree in den Westen zu flüchten versuchte. "Das hat mich damals schon sehr nachdenklich gemacht. Das hätte ja meine Schwester sein können." Trotz Nachdenkens: Cathrin Junge verfährt streng nach den Paragraphen des Gesetzes – wie all ihre Kollegen auch – und stellt einen Haftbefehl gegen den "Republikflüchtling" aus. Es ist die einzige juristische Entscheidung, die man ihr heute vorwerfen könnte.

Doch der Streitpunkt ist ihre Parteizugehörigkeit, ihr Eintritt in die SED-Nachfolgepartei PDS. Das sei kein Eintritt in eine Partei gewesen, beharrt Cathrin Junge, "das war ein Nichtantritt". Egal wie man es nennt: Was hält sie nach all den Erfahrungen und all dem Wissen ausgerechnet in dieser Partei? Cathrin Junge versucht zu erklären, und manchmal wird sie rot dabei: Sie sei erst relativ spät, mit 24 Jahren, in die SED eingetreten. Heute sei ihr das "richtig peinlich, was für dummes Zeug damals geredet wurde". Dennoch: 1986 sei ihr Schritt in die Partei so etwas "wie ein Bekenntnis gewesen. Das war eine Überzeugungsfrage. Heute wissen wir, daß das eine ungesunde Entwicklung war unter einer Käseglocke. Aber ich hatte auch ein Heimatgefühl zur DDR."