Von Gerd Fesser

Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert, Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht!

Heinrich von Kleist, 1810

Neben den Staatsmännern, Denkern und Militärs der preußischen Historie, die im Geschichtsbild der Deutschen noch immer präsent sind, hat sich nur eine Frau behauptet: Königin Luise. Allein zwischen 1969 und 1989 sind nicht weniger als sechs Luise-Biographien veröffentlicht worden. Alle ihre neueren Biographen haben sich von jenem Luise-Kult losgesagt, der in den Jahrzehnten vor 1945 seine Blüten trieb und damals kritischen Geistern die Erinnerung an diese Königin verleidete.

In jenem alten Luise-Bild dominierten Nationalismus (gegen den "Erbfeind" Frankreich gerichtet) und kitschige Sentimentalität (Luise als Leitbild der "deutschen Frau"). Die Eigenschaften der Königin wurden oft so überhöht dargestellt, daß der Luise-Kult dem katholischen Marien-Kult zu ähneln begann (daher das Wort von der "Preußen-Madonna"). Was macht nun, jenseits der Übertreibungen und Einseitigkeiten, die Vita der Königin auch für heutige Leser interessant? Folgen wir ihrem Lebensgang.

Luise ist am 10. März 1776 als Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz geboren worden, nicht in Mecklenburg, das sie erst im Alter von zwanzig Jahren betreten sollte, sondern in Hannover. Der Vater, Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz, regierte als Zweitgeborener nicht, sondern stand als General im Dienste Englands (England und Hannover waren damals in Personalunion verbunden). Luises Mutter Friederike, eine gebürtige Prinzessin von Hessen-Darmstadt, starb schon im Jahre 1782. Prinz Karl heiratete nun 1784 eine Schwester seiner verstorbenen Frau namens Charlotte, die aber bereits 1785 gleichfalls starb. Karl gab es auf und heiratete nicht wieder. Luise hatte vier überlebende Geschwister.

Die prägenden Jahre von acht bis siebzehn hat Luise nicht bei ihrem Vater verbracht, sondern bei ihrer Großmutter, der Prinzessin Marie Luise zu Leiningen-Heidesheim, die in Darmstadt lebte und allgemein George genannt wurde. Diese muß eine prachtvolle Person gewesen sein, warmherzig, immerzu fröhlich, grundsätzlich Pfälzer Dialekt redend. Der Gedanke, die lebhafte und mitunter ungebärdige Luise zu "disziplinieren", lag Großmutter George völlig fern. Das Mädchen lebte im Darmstädter Haushalt glücklich und unbeschwert, wuchs in Geborgenheit zu einer harmonischen kleinen Persönlichkeit heran. Mit der Bildung freilich, selbst mit der Kenntnis der deutschen Grammatik und Orthographie, haperte es.

Für die Adelsfamilien war es geradezu eine Existenzfrage, die Töchter zeitig gut zu verheiraten, damit sie nicht etwa sitzenblieben und dann das Familienbudget langfristig arg belasteten. Im Jahre 1793 wurde Luises Verwandtschaft dieser Sorge ledig. Und das kam so: Ein Onkel Luises, Prinz Georg von Hessen-Darmstadt, hatte erfahren, daß der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm und dessen Bruder Ludwig auf Brautschau waren. Er verständigte Vater Karl, Großmutter George und andere Verwandte. Der Familienrat handelte schnell und nahm Kontakt zum preußischen König Friedrich Wilhelm II. auf. Es war gerade der erste Koalitionskrieg zwischen dem revolutionären Frankreich und einigen europäischen Feudalstaaten im Gange. Die preußische Armee hatte im Dezember 1792 das von den Franzosen besetzte Frankfurt zurückerobert, und der König hielt sich seitdem in der alten Reichsstadt am Main auf. Er zeigte sich interessiert, Luise und ihre Schwester Friederike in Augenschein zu nehmen.

Am 13. März 1793 fuhr Großmutter George mit Luise und Friederike nach Frankfurt. Die ahnungslosen Schwestern wurden abends im Theater dem König vorgestellt. Wer einmal in der Berliner Nationalgalerie die von Schadow geschaffene Doppelstatue der Schwestern gesehen hat, kann sich gut vorstellen, was für anmutige Geschöpfe die siebzehnjährige Luise und die fünfzehnjährige Friederike waren. Verständlich, daß der König wenige Tage später bekannte: "Wie ich die beiden Engel zum ersten Mal sah, ... war ich so frappiert von ihrer Schönheit, daß ich ganz außer mir war ... Ich wünschte sehr, daß sie meine Söhne sehen möchten und sich in sie verlieben."

Am folgenden Tag wurden die beiden Mädchen den Preußenprinzen präsentiert. Sie gefielen dem Kronprinzen beide. Anfänglich neigte er mehr zu Friederike, die allgemein als die hübschere galt. Er fragte deshalb Ludwig, dem es aber gleichgültig war, welche der Schwestern er nehmen solle. Schließlich entschied sich Friedrich Wilhelm für Luise. Schon am 19. März 1793 war Doppelverlobung. So schnell ging dergleichen damals.

Prinzessinnen und Prinzen wurden seinerzeit zumeist nach sehr pragmatischen Gesichtspunkten verlobt und verheiratet. Liebe spielte selten eine Rolle. Etliche der so gestifteten Ehen haben trotzdem leidlich funktioniert, etliche aber endeten katastrophal. Die Verbindung zwischen Luise und Friedrich Wilhelm war für die damalige Zeit ganz ungewöhnlich. Der Kronprinz hatte sich rasch in Luise verliebt; bei ihr dauerte es etwas länger. Als beide dann am 24. Dezember 1793 heirateten, war zwischen ihnen bereits eine tiefe Zuneigung entstanden.

Friedrich Wilhelm war ein großer, schlanker und gutaussehender junger Mann, pflichtbewußt, freilich auch schüchtern, ganz ohne Phantasie und nicht selten mürrisch. Hatten die beiden aus Liebe geheiratet, so führten sie zum Staunen ihrer Zeitgenossen fortan eine Musterehe von geradezu bürgerlichem Zuschnitt.

Zunächst freilich hatte es eine kleine Anpassungskrise gegeben. Berlin und Potsdam, so sei vorausgeschickt, wurden damals von vielen Leuten als regelrechte Sündenbabel betrachtet. "Schrittmacher" bei alledem war König Friedrich Wilhelm II. mit seinen unzähligen Weibergeschichten, den die Berliner den "dicken Lüderjahn" nannten. Dem geradlinigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm mißfiel das lockere Treiben am Hofe seines Vaters sehr. Nun erlebte er, daß seine lebenslustige junge Frau von einem Ball zum andern eilte, ja, gar ein wenig mit dem schwarzen Schaf der Hohenzollernfamilie, dem Prinzen Louis Ferdinand, flirtete. Louis Ferdinand war eine glänzende Erscheinung, Kriegsheld, Idol der jungen Offiziere, nebenher ein begabter Komponist. Er hatte etliche Amouren, steckte stets tief in Schulden und überzog die Hofgesellschaft mit Hohn und Spott.

Doch das Getuschel um Luise und Louis Ferdinand verstummte jäh. Der Kronprinz sprach sich mit Luise gründlich aus und hatte fortan keinen Grund zur Unzufriedenheit mehr. Das junge Paar zog nach Potsdam, und Luise blieb dem Berliner Hoftreiben fern. 1795 brachte sie den Stammhalter, den späteren König Friedrich Wilhelm IV., zur Welt. Im Jahr darauf kaufte Friedrich Wilhelm den Landsitz Paretz bei Potsdam, und fortan hielt sich die Familie so oft wie irgend möglich in dieser Idylle auf.

Am 16. November 1797 starb der König, und der Kronprinz bestieg als Friedrich Wilhelm III. den Thron. Die Bevölkerung Preußens erlebte nun ein Königspaar, das in der Öffentlichkeit ständig gemeinsam auftrat. Friedrich Wilhelm II. hatte seine Frau zum Gespött gemacht, Friedrich der Große die seine gar vom Hofe verbannt. Friedrich Wilhelm III. hingegen schob seiner Frau nach und nach einen großen Teil seiner repräsentativen Verpflichtungen zu. Der ungelenke und innerlich unsichere junge Monarch hatte einen Horror davor, in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Luise hingegen war in puncto Selbstdarstellung ein Naturtalent. Sie repräsentierte in einer so ungezwungenen, anmutigen Weise, daß jedermann von ihr begeistert war. Bei aller Herzlichkeit sorgte ihr norddeutsches Erbteil doch dafür, daß sich gleichzeitig eine fast unmerkliche und nie verletzende Distanz zu ihrer Umgebung herstellte, die ihrem Auftreten Würde verlieh. Luise war eben die geborene Königin.

Man muß bei alledem bedenken, wie bärbeißig im damaligen Preußen die Vertreter der Obrigkeit den Untertanen in aller Regel entgegentraten. Die attraktive, immer freundliche Königin war deshalb sehr schnell populär wie keine ihrer Vorgängerinnen oder Nachfolgerinnen. Luise war übrigens keineswegs eine Puppenschönheit. Sie war gewiß ansehnlich, wirkte aber vor allem durch die Art ihres Auftretens. Hermann von Boyen, ein gebildeter General, der Luise gut gekannt hat, schrieb später über sie: "Die Königin war, bloß nach den Regeln der Kunst beurteilt, vielleicht keine regelrechte Schönheit, aber nach dem Eindruck, den ihre Erscheinung ausübte, gewiß eine schöne Frau. Selbst schon als die Jugendjahre vorüber waren, gab die nun sich ausbildende Fülle ihrer Umrisse ihr einen seltenen Reiz, den selbst die ältesten Männeraugen bewunderten."

So preußisch sparsam (um nicht zu sagen knauserig) Friedrich Wilhelm ansonsten war – für seine Luise war ihm die modischste und teuerste Garderobe gerade noch gut genug. Er genoß es sichtlich, daß seine Frau von jedermann bewundert wurde.

Luise hat in den sechzehn Jahren ihrer Ehe zehn Kinder geboren, von denen sieben überlebten. Darunter war auch der spätere König und Kaiser Wilhelm I. Luise, eine liebevolle Mutter, ließ ihren Kindern viele Freiheiten.

Für das Wohl ihres Mannes und ihrer Kinder zu sorgen, die Hoffeste zu genießen, an der Seite Friedrich Wilhelms das Land zu bereisen – all das füllte die Zeit Luises aus, genügte ihr aber bald nicht mehr. Sie wollte eine literarische Bildung erwerben und ihr Urteilsvermögen schulen. Zwei gebildete Frauen, erst Marie von Kleist (eine Tante des Dichters), dann Caroline Friederike von Berg, erschlossen ihr die Welt der Literatur. Luise las nun voller Eifer die Werke der Weimarer Klassiker, vor allem die Dramen Friedrich Schillers. 1799 sah sie in Weimar eine Aufführung von "Wallensteins Tod". Sie sprach anschließend mit Schiller, der enthusiastisch meinte, Luise sei "sehr geist- und gefühlvoll in den Sinn seiner Dichtung eingegangen". Friedrich Wilhelm mißfiel das Bildungsstreben seiner Frau höchlich. Er ließ nichts unversucht, ihr die Beschäftigung mit "Modeliteratoren" auszureden.

Luise, als lebenskluge Frau, wußte die guten Eigenschaften Friedrich Wilhelms zu schätzen und seine weniger schönen zu ertragen. Daß ihr pedantischer und recht langweiliger Gemahl nicht das Nonplusultra der Männerwelt war, wurde ihr im Jahre 1802 endgültig klar. Da lernte sie nämlich den jungen Zaren Alexander I. kennen. Alexander war nicht minder stattlich als Friedrich Wilhelm, gleichzeitig jedoch ein Mensch, der jedermann durch Esprit und Charme zu bezaubern wußte. Luise schmolz förmlich dahin und verliebte sich in aller Harmlosigkeit heftig. Sie schrieb Alexander fortan eifrig und hoffte darauf, dessen Seelenfreundin zu werden. Daß dieser hochbegabte Selbstdarsteller, der so gern in der Rolle des edlen Träumers auftrat, gleichzeitig ein kühl rechnender Machtpolitiker war, sollte Luise erst im Jahre 1807 erkennen.

Zwei Jahre zuvor holte die brutale Realität der Machtpolitik den Staat Preußen und damit auch das Königspaar ein. Preußen war 1795 durch den Separatfrieden von Basel aus dem Ring der Gegner Frankreichs ausgeschert. Seitdem betrieb es eine schwächliche und nicht selten doppelzüngige Neutralitätspolitik.

Der wohlmeinende und friedfertige Friedrich Wilhelm III. ließ sich auf dem Felde der Außenpolitik willig vom Außenminister Graf von Haugwitz und dessen Kabinettsräten leiten. Haugwitz und seine Gesinnungsgenossen wurden in Preußen allgemein als "französische Partei" oder als "Franzosenfreunde" bezeichnet. Ihre Devise war, Preußen solle sich aus den Koalitionskriegen heraushalten, sich von beiden Seiten umwerben lassen und daraus kräftig Vorteile ziehen.

Im Jahre 1805 entbrannte der dritte Koalitionskrieg. Das nunmehrige Kaiserreich Frankreich stand England, Rußland, Österreich, Schweden und dem Königreich Neapel gegenüber. Die Leute um Haugwitz verfolgten auch diesmal die Taktik des Lavierens und Durchmogeins.

Napoleon, seit 1804 Kaiser der Franzosen, hatte für sie schon vor Kriegsbeginn einen fetten Köder ausgelegt: Er bot ihnen das Kurfürstentum Hannover an, das von französischen Truppen besetzt war. Preußen hätte damit eine Landbrücke zwischen seinen ostelbischen Kernlanden und seinen westdeutschen Besitzungen gewonnen. Sich Hannover anzueignen reizte die Regierenden in Berlin mächtig. Aber sie wollten keinen Zusammenstoß mit England und Rußland riskieren, und deshalb legten sie sich wieder einmal nicht fest.

Doch die Mächte der dritten Koalition drängten. Als Rußland Miene machte, seinen Truppen gewaltsam den Durchzug durch preußisches Staatsgebiet zu verschaffen und somit die Neutralität Preußens zu verletzen, wurde am 19. September die Mobilmachung der preußischen Armee angeordnet. Am 6. Oktober erfuhr man dann in Berlin, daß die Truppen des französischen Marschalls Bernadotte bei Ansbach (das damals, ebenso wie Bayreuth, zu Preußen gehörte) die preußische Staatsgrenze überschritten und dort obendrein geplündert hatten. Diese Meldung zündete wie ein Blitz. Ein Teil des preußischen Offizierskorps verfiel in wilde Kriegsbegeisterung.

Zu dieser Zeit hatte sich bereits eine preußische "Kriegspartei" formiert. Dazu zählten der Freiherr vom Stein, die Generäle Blücher und Rüchel, Generalstabschef Scharnhorst und der Gelehrte Alexander von Humboldt. Auch im Königshaus fand die "Kriegspartei" Anhänger, so die Prinzen Louis Ferdinand und Wilhelm Friedrich von Oranien und – Luise. Schon die Zeitgenossen sprachen deshalb von einer "Partei der Königin".

Zar Alexander nutzte die Gunst der Stunde und eilte nach Potsdam. Der schüchterne Preußenkönig war der stürmischen Beredsamkeit des Zaren nicht gewachsen und ließ sich am 3. November einen Vertrag aufdrängen. Darin verpflichtete er sich, sofort einen Unterhändler zu Napoleon zu schicken und von diesem zu verlangen, alle französischen Truppen aus Deutschland, Holland, der Schweiz und Süditalien abzuziehen. Akzeptierte Bonaparte nicht binnen vier Wochen nach der Abreise des Unterhändlers diese Forderungen, dann sollte Preußen mit mindestens 180 000 Soldaten in den Krieg gegen ihn eintreten. Als Gegenleistung versicherte der Zar, er würde sich dafür einsetzen, daß Hannover an Preußen angegliedert werde. Nach Abschluß der Gespräche führten die beiden Herrscher noch eine komödiantenhafte Szene auf. Gemeinsam mit Luise stiegen sie in der Potsdamer Garnisonkirche um Mitternacht in die Gruft Friedrichs des Großen, an dessen Sarg sie mit einem theatralischen Händedruck ihre Vereinbarungen bekräftigten.

Der triumphale Sieg Napoleons in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz (2. Dezember 1805) machte dann alle Absprachen hinfällig. Nach seinem Sieg über die Russen und Österreicher nötigte Napoleon Preußen am 25. Februar 1806 den sogenannten Traktat von Paris auf. Preußen erhielt zwar Hannover, mußte aber in Süddeutschland Ansbach und Bayreuth, in der Schweiz Neuenburg (Neuchâtel) und am Niederrhein Kleve und Wesel abtreten. Und es mußte alle seine Häfen für englische Schiffe sperren.

Die neuerliche Hinwendung Preußens zu Frankreich mißfiel Luise entschieden. Erstmalig kam es zwischen ihr und dem König zu heftigen Wortwechseln. Schließlich kehrte Friedrich Wilhelm ausnahmsweise den häuslichen Vorgesetzten heraus und wies sein Weib in die Schranken. Mehr und mehr schlitterte der preußische Militärstaat nun in eine ausweglose Situation hinein. Napoleon ließ nach seinem Triumph bei Austerlitz seine siegreiche Armee wohlweislich in Süddeutschland stehen. Immer ungenierter mischte er sich in innere Angelegenheiten Preußens ein.

Anfang August wurde in Berlin bekannt, daß Napoleon den Engländern in geheimen Friedensverhandlungen die Rückgabe Hannovers angeboten hatte. Außenminister Haugwitz, der sich von Napoleon so viele Demütigungen hatte gefallen lassen, wurde nun plötzlich energisch. Auf seine Empfehlung hin ordnete der König Friedrich Wilhelm III. am 9. August die Mobilmachung des größten Teils der Armee an. Man hoffte, Bonaparte werde die Mobilmachung als mutige Geste respektieren und friedlich einlenken.

Am 7. Oktober 1806 begann der Krieg, den der König und seine Ratgeber partout nicht gewollt hatten. Es kam, wie es kommen mußte. Bei Jena und Auerstedt genügte Napoleon und seinem Marschall Davout ein einziger Tag, um die noch immer hochrenommierte (freilich allgemein überschätzte) preußische Armee zu zertrümmern.

König Friedrich Wilhelm ließ den Kopf hängen und lamentierte, er habe ja alles so kommen sehen. Luise hingegen zeigte trotzige Standhaftigkeit. Sie schrieb dem König etliche Briefe, um ihm den Rücken zu stärken. So am 17. Oktober: "... übrigens hoffe ich, daß noch nicht alles verloren ist und Gott uns helfen wird. Du hast noch Truppen, das Volk verehrt Dich und ist bereit, alles zu tun." Drei Tage später beschwor Luise den König: "Nur um Gotteswillen keinen schändlichen Frieden." Erstmalig leistete sich die Königin eine krasse Eigenmächtigkeit: Sie ließ den Kabinettsrat Lombard, einen der Hauptverantwortlichen für die verfehlte Politik der Vorkriegszeit, verhaften.

Luise setzte nun alle ihre Hoffnungen auf den Zaren Alexander, der seine Armee den geschlagenen Preußen zu Hilfe schickte. Zunächst freilich mußte das Königspaar erst einmal nach Königsberg flüchten, wo es am 10. Dezember 1806 eintraf. Hier erkrankte Luise lebensgefährlich an Typhus. Auch Königsberg wurde bald von den vorrückenden Franzosen bedroht. Im Januar 1807 kam es dann zu jener Episode im Leben der Königin, welche Zeitgenossen und Nachwelt wohl am meisten angerührt hat: Luises Flucht über die Kurische Nehrung nach Memel. Die Königin und ihre wenigen Begleiter mußten Schneestürme und sibirische Kälte über sich ergehen lassen. Der Arzt Hufeland berichtete später:

"Wir brachten drei Tage und drei Nächte, die Tage teils in den Sturmwellen des Meeres, teils im Eise fahrend, die Nächte in elendesten Nachtquartieren zu – die erste Nacht lag die Königin in einer Stube, wo die Fenster zerbrochen waren und der Schnee ihr auf das Bett geweht wurde, ohne erquickende Nahrung – ... Ich war dabei in der beständigen ängstlichen Besorgnis, daß sie ein Schlagfluß treffen möchte."

Napoleon besiegte schließlich auch die Russen, und Zar Alexander mußte sich mit ihm arrangieren. Im Juli 1807 zwang Napoleon Preußen den räuberischen Friedensvertrag von Tilsit auf. Die Hälfte des preußischen Staatsgebiets mußte abgetreten werden. Eine französische Besatzungsarmee von 150 000 blieb im Lande. Der Rumpfstaat Preußen sollte eine Kontribution zahlen, deren Höhe schließlich auf 120 Millionen Franc festgelegt wurde – für die damalige Zeit eine ungeheure Summe. Daß Zar Alexander diesem Vertrag zustimmte, hat Luise tief getroffen.

Die Königin hatte vergeblich versucht, durch eine persönliche Begegnung mit Napoleon mildere Friedensbedingungen zu erlangen. Luise sah der Unterredung mit dem Kaiser bang entgegen, betrachtete sie den Korsen doch als ein "Ungeheuer". Napoleon seinerseits hatte die Königin in offiziösen Presseartikeln als "Kriegstreiberin" verumglimpfen lassen. Während der Unterredung – am 6. Juli 1807 in Tilsit – zeigte sich schnell, daß die beiden so ungleichen Gesprächspartner einander ausgesprochen sympathisch fanden. Napoleon gab sich zwar betont liebenswürdig, in der Sache aber blieb er unerbittlich. Das Auftreten Luises hatte ihn sichtlich beeindruckt. Bald nach dem Treffen in Tilsit sprach der Kaiser in Paris mit Luises Bruder Georg und sagte dabei: "Die Königin hat viel Verstand, überhaupt viele gute Eigenschaften, sie hat aber nicht genug Einfluß."

Die Kunde von Luises dramatischer Flucht nach Memel und von ihrer Begegnung mit Napoleon – vor allem in der Form mehr oder minder rührseliger Anekdoten verbreitet – ließ in Preußen das Ansehen der Krone, das 1806 einen erheblichen Stoß erlitten hatte, wieder steigen. Es bildete sich um Luise der Mythos, der schwachen, aber unerschrockenen Frau, die sich dem Gewaltpolitiker Napoleon widersetzte.

Das Debakel von 1806/07 machte selbst König Friedrich Wilhelm klar, daß sein gebeutelter Staat ohne tiefgreifende Reformen nicht zu retten war. Als künftige leitende Minister kamen zwei Anwärter in Frage: Stein und Hardenberg. Beide legten im Jahre 1807 großangelegte Reformkonzepte vor. Für das Königspaar war der weltläufige Hardenberg der Wunschkandidat, doch Napoleon legte sein Veto ein. So wurde im Oktober 1807 der Reichsfreiherr Karl vom Stein berufen.

Daß Preußen einer Reform an Haupt und Gliedern bedurfte, hatte Luise sehr wohl verstanden. Ihrem Vater schrieb sie: "Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat und in sich selbst als abgestorben zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen ... der Feind blieb im Vorteil. Von ihm können wir vieles lernen, und es wird nicht verloren sein, was er getan und ausgerichtet hat."

Stein war nur ein Jahr lang im Amt. Der König mußte ihn entlassen, weil die französische Polizei einen Brief des Ministers abgefangen hatte, aus dem klar hervorging, daß er gegen Napoleon konspirierte. Friedrich Wilhelm und Luise sahen Stein gern gehen. Die schroffe Art des Reichsfreiherrn hatte auf den König einschüchternd gewirkt und ihn mehr und mehr verstimmt. Stein war auch gegen die Ausstrahlung Luises völlig immun und hatte sich anmerken lassen, daß er von der Königin keine sonderlich hohe Meinung hatte.

Von Januar 1808 bis Dezember 1809 blieben Königspaar und Regierung in Königsberg. Luise hat hier von ihren Kontakten zu den Mitstreitern Steins und vom Fluidum der weltoffenen Handelsstadt am Pregel – die im 19. Jahrhundert lange Zeit eine Hochburg des deutschen Liberalismus war – profitiert. Luise ließ sich von dem Geschichtsprofessor Süvern die Manuskripte seiner Vorlesungen geben und studierte sie eifrig.

Im Jahre 1809 wiesen erste Anzeichen darauf hin, daß die Kometenlaufbahn Napoleons ihren Zenit überschritten hatte. Im Gebälk seines Großreiches knisterte es bereits: Volksaufstand in Spanien, Erhebung der Tiroler Bauern unter dem legendären Andreas Hofer. Und im Mai 1809 bereitete der österreichische Erzherzog Carl dem bislang für unbesiegbar gehaltenen Napoleon bei Aspern die erste Niederlage in offener Feldschlacht.

Die patriotischen Feuerköpfe um Scharnhorst und Gneisenau forderten, Preußen solle an der Seite Österreichs in den Revanchekrieg eintreten. Sie gingen ein hohes Risiko ein, denn im Falle einer Niederlage wäre Preußen zweifellos von der Landkarte verschwunden. König Friedrich Wilhelm weigerte sich strikt, das Schwert zu ziehen.

Luise hingegen stand innerlich ganz auf der Seite der kämpfenden Österreicher und Tiroler. Am 18. Juni schrieb sie an die zehn Jahre jüngere Kaiserin Maria Ludovica von Österreich, eine Napoleon-Feindin, die zur Kriegspartei zählte: "Ich bin Deutsche aus vollem Herzen; so spreche ich meine Wünsche aus für die glückliche Fortsetzung dieses schönen Anfangs ..." In einem Brief an Frau von Berg begeisterte sie sich im September: "Welch ein Mann, dieser Andreas Hofer. Ein Bauer wird Feldherr, und was für einer!" Doch Luise vermied es, den König zu bedrängen.

Im folgenden Jahr gab sie jedoch ihre Zurückhaltung auf und griff energisch in die Politik ein. Mittlerweile hatten die Nachfolger Steins dessen großes Reformwerk versanden lassen. Sie waren nicht imstande, die Kontributionszahlungen an Frankreich vertragsgemäß zu leisten. Damit gaben sie Napoleon Vorwände in die Hand, dem gebeutelten Staat weitere Gebiete zu entreißen oder ihn gar völlig zu beseitigen. Die Minister Altenstein und Dohna waren sogar bereit, die von Friedrich dem Großen eroberte und verteidigte Provinz Schlesien an Bonaparte abzutreten, um den Gefürchteten zu besänftigen. Luise war außer sich vor Empörung. All ihr Sinnen und Trachten galt nun dem Sturz der unfähigen Regierung.

Die Königin konspirierte mit Hardenberg und drängte ihren Mann unaufhörlich zum Regierungswechsel. Sie spannte etliche einflußreiche Leute, darunter auch den neuen österreichischen Außenminister Metternich, dafür ein, bei Napoleon gut Wetter für Hardenberg zu machen. Schließlich ließ der Korse in Berlin wissen: Er habe nichts mehr gegen dessen Berufung. Am 4. Juni 1810 war es dann soweit: Der König berief Hardenberg zum Staatskanzler, Innenminister und Finanzminister Preußens.

Luise war überzeugt: Jetzt hatte der beste Mann das Ruder des preußischen Staatsschiffes fest in der Hand, und man konnte wieder auf eine bessere Zukunft hoffen. Sie tat nun etwas, wovon sie schon lange träumte: Sie besuchte ihren Vater, den nunmehrigen Großherzog, in Neustrelitz. Als sie ihren Besuch ankündigte, verfiel sie ganz in den Sprachstil ihrer glücklichen Kindertage: "Bester Bäp! Ich bin ganz tull und varucky. Eben hat mir der gute, liebevolle König die Erlaubnis gegeben, zu Ihnen zu kommen, bester Vater!"

Am 25. Juni 1810 brach Luise von Charlottenburg auf. Im ersten Ort auf mecklenburgischem Gebiet, Fürstenberg, konnte sie nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Geschwister Friederike, Georg und Karl in die Arme schließen. Am 28. Juni traf auch der König ein. Auf seinen Wunsch nahm man nicht in der Residenzstadt Neustrelitz Quartier, sondern auf dem nahegelegenen Landsitz Hohenzieritz. Bald fiel ein Schatten auf die Familienidylle: Luise erkrankte an einer Lungenentzündung.

Der Neustrelitzer Hofarzt Hieronymi hielt die Erkrankung nicht für schwerwiegend. Doch am 16. Juli stellten sich plötzlich Kreislaufbeschwerden, Brustkrämpfe und Atemnot ein. Hieronymi alarmierte den berühmten Dr. Heim, und der brachte noch den Chirurgen Goercke mit. Die beiden Mediziner erkannten sofort, daß sich Luise in Lebensgefahr befand. Helfen konnten sie ihr nicht mehr. Am 19. Juli gegen neun Uhr starb Luise im Alter von 34 Jahren. Heim und Hieronymi kamen nach der Öffnung der Leiche zu der Überzeugung, Luise habe bereits seit geraumer Zeit ein organisches Herzleiden gehabt, das nicht erkannt wurde, nach dem damaligen Stand der ärztlichen Kunst aber auch nicht zu heilen war.

Der verzweifelte König hatte bereits am 18. Juli niedergeschrieben: "Die heutigen Nachrichten drohen mir mit Vernichtung. Ist sie dahin! – So bin ich dahin! – Nur durch Ihr hänge ich noch am Leben. Sie ist mein Alles! Mein ganzes, mein einziges Glück auf Erden."

In den Tagen vom 25. bis 27. Juli wurde der Sarg Luises nach Berlin überführt. Der Trauerzug bewegte sich, von unaufhörlichem leisem Trommelwirbel begleitet, im Schrittempo. Das Kavallerieregiment "Gardes du corps" begleitete den Zug. Am 30. Juli wurde die Königin vorerst in der Berliner Domkirche beigesetzt. Ein Zeitgenosse, Wilhelm von Gerlach, berichtete in einem Brief an seinen Bruder Leopold: "Der Tod der Königin hat viel Trauer erregt... Beim Leicheneinzug herrschte eine große Stille, und man sah überall auf der Straße Weinende aus allen Ständen."

In die Trauer der Menschen mischte sich tiefe Sorge darüber, was die Zukunft bringen werde. Daß die Popularität und das Ansehen der Königin für die innere Stabilität Preußens und für seine Reputation nach außen sehr wohl ins Gewicht gefallen waren, zeigt eine Reaktion aus dem fernen Wien. Friedrich Gentz, ein vertrauter Mitarbeiter Metternichs, schrieb nämlich am 18. August 1810 in einem Privatbrief:

"Der Tod der Königin von Preußen ist der härteste Schlag, der diesen Staat jetzt noch treffen konnte. Mit ihr verschwindet nicht allein das einzig wahre Lebenselement, das diese absterbende Maschine noch beseelte, sondern auch die einzige große Dekoration, die ihr ein gewisses äußeres Ansehen noch erhielt. Für alles, was Meinung heißt, selbst für den gemeinen Geldkredit der preußischen Monarchie, konnte nichts empfindlicheres geschehen."

Luise hatte ihren Mann noch auf dem Totenbett beschworen, fest auf Hardenberg zu vertrauen. Und der neue leitende Staatsmann sollte sich in den schweren Jahren von 1810 bis 1813 für Preußen als ein Glücksfall erweisen. Er führte das Reformwerk Steins tatkräftig weiter. Der Staatskanzler konnte Napoleon durch pünktliche Zahlung der Kontribution zufriedenstellen – und die Scharnhorstsche Heeresreform finanzieren. Allerdings hatte er zuvor die Steuerschraube drastisch angezogen, wodurch insbesondere die ärmeren Schichten hart getroffen wurden. In den ersten Wochen des Jahres 1813 war seine Taktik meisterhaft – er hielt Napoleon hin, steifte seinem ewig unentschlossenen König den Rücken und leitete ein großes Rüstungsprogramm ein. Im März 1813 trat Preußen an der Seite Rußlands in den Befreiungskrieg ein.

Die Schlacht bei Waterloo besiegelte dann 1815 endgültig die Niederlage Napoleons. Nach diesem Sieg marschierte die Armee Blüchers zügig auf Paris zu. Als der alte Haudegen vom Montmartre aus den Blick über die weißen Fahnen der Kapitulation schweifen ließ, die in ganz Paris aufgezogen worden waren, da sprach er mit tiefer Genugtuung: "Jetzt endlich ist Luise gerächt!"