Am 22. Februar 1991 wurde Lothar de Maiziere durch den damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble, wie es seinerzeit hieß, "rehabiliert". Ihm war vorgeworfen worden, er sei über viele Jahre als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit in der DDR tätig gewesen. Seit dem 1. Januar 1992 gilt das neue Stasi-Unterlagen-Gesetz, demzufolge – unter bestimmten Umständen – Akten über Personen der Zeitgeschichte zum Zwecke der politischen und historischen Aufarbeitung eingesehen werden können. Die Frage, was die Akte "Czerni" über den Fall de Maizière lehrt, ist unter zwei Gesichtspunkten interessant. Erstens: Was wußte Wolfgang Schäuble, als es zu diesem Fall abschließend Stellung nahm? Zweitens: Was kann man heute der Akte entnehmen?

Zum ersten: Schon als Schäuble vor die Öffentlichkeit trat, ließ die Akte keinen erklärbaren Zweifel mehr daran, daß Lothar de Maizière mit dem IM "Czerni" identisch ist, Schäuble hat sich auch nicht bemüht, einen anderen Eindruck zu erwecken.

Ihm war also bekannt, daß der Stasi-Führungsoffizier Hasse am 22. September 1981 eine Vorlauf-Akte angelegt hatte, damals noch unter dem internen Decknamen "Junior". Schäuble war zur Interpretation dieser Bezeichnung darauf hingewiesen worden, daß der Vater de Maizieres ebenfalls IM gewesen und vom selben Referat der Abteilung XX geführt worden sei. (Clemens de Maizière, gestorben 1980, war Rechtsanwalt in Berlin und Mitglied der Provinzialsynode von Berlin-Brandenburg gewesen.) Am 3. Dezember 1981 wurde der IM-Vorlauf "Junior" zum regelrechten IM "Czerni", am 14. September 1984 wurde aus "Czerni" gar ein IMB, also ein Inoffizieller Mitarbeiter, der direkten Kontakt zum "Gegner" hatte, sei es innerhalb, sei es außerhalb der DDR. Am 18. April 1989 wird der Führungsoffizier Hasse durch den Genossen Dohmeyer ersetzt.

So viel die Akte damals Schäuble über die Identität von de Maizière und "Czerni" verriet, so wenig schien sie über die Tätigkeit von "Czerni" offenzulegen. Immerhin aber enthielt sie schon damals einen Bericht über eine vorbereitende Zusammenkunft von neun Bundessynodalen. Das Treffen fand am 21. Januar 1986 abends statt. Schon am übernächsten Tag hatte "Czernis" Führungsoffizier Hasse einen Bericht verfertigt, der seinem Text nach nicht durch technische Abhörung gewonnen worden sein kann. Das einzige Mitglied der Bundessynode, das Hasse als IM führte, war aber de Maizière, der an diesem Vorbereitungstreffen teilgenommen hatte. (Dem Bericht lag im übrigen ein Exemplar eines Entwurfs einer neuen Kirchenordnung bei.)

Damit wäre aber bereits die Darstellung de Maizieres durchlöchert, seine Kontakte mit der Stasi hätten sich ausschließlich aus seiner Tätigkeit als Anwalt und im Interesse seiner Mandanten ergeben; "Czerni" hatte auch über Interna der Kirche berichtet. Lothar de Maizière erklärte dazu gegenüber der ZEIT, dies alles mache für ihn überhaupt keinen Reim. Er sei damals zum ersten Mal in diesem Kreis gewesen und hätte noch nicht einmal alle Namen der Teilnehmer gekannt, geschweige denn am Tag danach berichten können.

In dem erwähnten Bericht war unter den Teilnehmern des Treffens auch Manfred Stolpe erwähnt. Vor fast allen Namen hatte ein Stasi-Bearbeiter mit Bleistift Kürzel angebracht. Vor dem Namen eines Pfarrers steht "OV" – also: Operativer Vorgang, der Mann wird von der Stasi observiert. Bei anderen steht "n.E." – für "nicht erfaßt"? Vor Stolpes Name ist notiert: "HA XX/4" – ein Hinweis auf die entsprechende Abteilung im Ministerium für Staatssicherheit. Dieser Hinweis ist natürlich auch in Bonn gesehen worden. Ist dies der Grund dafür, daß die Welt im Dezember 1990 meldete, im Bonner Kanzleramt kursierten Gerüchte, daß auch Stolpe Stasi-Kontakte hatte?

Zum zweiten: Was enthält die Akte heute an zusätzlichen Dokumenten? Lothar de Maizière hat immer wieder gesagt, er habe nie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und niemals Geld angenommen. Außerdem sagte er zumindest einmal, er habe sich nie konspirativ getroffen. In einigen Punkten zieht der aktuelle Bestand der Akte "Czerni" diese Darstellung in Zweifel.