Immer wenn Briefe für Minister eingehen, werden sie in Bonn selten von Ministern gelesen, vielmehr vom Ministerbüro (MB) an den zuständigen Abteilungsleiter (AL) geleitet, ggf. unter Einschaltung des Staatssekretärs (StS) und mit Anforderung von Stellungnahme (StN) oder Antwortentwurf (AE) bzw. zur weiteren Veranlassung (zwV) in eigener Kompetenz.

Der AL leitet den Brief über den Unterabteilungsleiter (UAL) an den Referatsleiter (RL), der gibt ihn zwecks erstem Entwurf (l.E) eines AE an den zuständigen Sachbearbeiter weiter. Der läßt aus der Registratur (Reg) den Vorgang kommen; ohne Vorgang geht nichts. Der Sachbearbeiter, im Idealfall ein gediegener Oberamtsrat (OAR), fertigt mit Kugelschreiber und mit Mühe einen l.E an, den eine Sekretärin, sofern verfügbar, dem Computer eingibt, so daß der Gesamtvorgang in einer Gittermappe den RL erreicht; ohne Gittermappe geht nichts.

Der RL schüttelt betr. Sache und Stil den Kopf. Das Schütteln der Köpfe setzt sich hierarchisch Stufe um Stufe fort, während der Bote den l.E vom RL zum UAL und vom UAL zum AL trägt, deren jeweils erhebliche bis umfassende handschriftliche Änderungen mit hierarchisch abgestufter Tinte von den Sekretärinnen wiederum den Computern eingegeben werden. Weil geänderte Entwürfe zur Reinschrift an die jeweils zurückliegende Stufe verwiesen und von dort in neuer Fassung wieder der nächsthöheren Stufe vorgelegt werden, entwickelt sich eine Art Jojo-Spiel; es geht häufig rauf und runter. Das Spiel kann durch Einschaltung anderer Referate, Unterabteilungen und Abteilungen zum Breitband-Jojo erweitert werden. So entstehen 2.E, 3.E, 4.E, 5.E, 6.E und xter E, welcher tatsächlich den StS oder das MB erreichen kann, in Einzelfällen den Minister.

Diese Abläufe sind – auch in Bonn – von dem Arbeitsökonomen Cyril Northcote Parkinson ("Parkinson’s Law") untersucht worden. Sie haben seit Parkinson an Länge und Breite so zugenommen, daß gelegentlich ein Beamter fragt: Muß das alles sein? Wäre das nicht zu ändern?

"Es ist nervtötend, macht keinen Spaß und wenig Sinn", klagt Referatsleiter B. seinem Freund Dr. Günter P., der sich als Direktionsassistent der Europäischen Management- und Marketing-Agentur (EMMA) in Organisationsfragen auskennt.

Dr. P. läßt sich weitere Einzelheiten schildern und sagt: "EMMA könnte dazu ein Gutachten erarbeiten. Aber so off band würde ich sagen: Man sollte nichts ändern."

Referatsleiter B. ist verblüfft und enttäuscht. Er hatte Reorganisationsvorschläge erwartet. "Und warum nicht? Nach der Bürokraten Weisheit: Das machen wir so, weil wir es immer so gemacht haben?"