Von Werner A. Perger

Bonn, im Januar

Mit dem Prager Verhandlungspartner ist Bonn seit vergangenem Herbst über den Nachbarschaftsvertrag einig. Beim Besuch des Bundespräsidenten im Oktober wurde das ausgehandelte Werk von den Außenministern paraphiert. Nun endlich hat die Koalition sich darauf verständigt, wie sie mit dem völkerrechtlichen Dokument innerstaatlich verfahren will: Der deutsch-tschechoslowakische Vertrag soll samt den dazugehörigen Briefen im Februar in der vorliegenden Form unterschrieben und alsbald auch, womöglich sogar vor dem Wahltermin am 5. April (Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg), vom Bundestag ratifiziert werden.

Somit hat sich der Außenminister inhaltlich behauptet, worauf die FDP ein wenig stolz ist. Die CSU als politische Schutzherrin der Sudetendeutschen bekommt dafür, zur Beruhigung der Funktionärsklientel im Vertriebenenmilieu und zur Wahrung ihres Gesichts, eine Resolution des Bundestags, in der vor allem die deutsche Rechtsauffassung zur zeitweiligen Gültigkeit des Münchner Abkommens von 1938 ein weiteres Mal formell bekräftigt wird. Mit demonstrativ generösem Achselzucken nimmt die FDP das hin. Die Waigel-Partei aber verkündet es als kleinen Triumph: "Wir haben uns durchgesetzt." Na bitte: alle zufrieden und alles in Ordnung.

Alles in Ordnung? Selbst Abgebrühten fällt es schwer, die Nachbesserungsforderungen der CSU und den dadurch ausgelösten Kuhhandel als Bonner Normalität zu akzeptieren. So hatten sich die Regierenden in Prag den politischen Neuanfang in Mitteleuropa und die Unterstützung durch den Westen, besonders durch die Deutschen, nicht vorgestellt: Forderungen, Gegenrechnungen, Bedingungen. Zwar haben sich die Scharfmacher unter den Sudetendeutschen und in der CSU nicht durchgesetzt, vor allem werden vermögensrechtliche Fragen (Entschädigungsansprüche) im Vertrag nicht behandelt. Aber der Streit um die bayerischen Nachforderungen zum Vertrag entfaltet seine eigene politische Wirkung.

"Bei uns kann die jüngere Generation nicht mehr verstehen", sagte Außenminister Jiři Dienstbier, der frühere oppositionelle Bürgerrechtler, dieser Tage in einem Rundfunk-Gespräch, "warum ihre Eltern oder Großeltern antideutsche Gefühle haben." Dies sieht er als Chance. Doch das könnte sich bei näherer Begegnung mit dem neuen deutschen Selbstbewußtsein bald ändern. "Das schlimmste", klagt man im Bonner Außenamt über die äußere Wirkung des Nachbesserungsstreits, "ist der Eindruck, es könnte bei uns tatsächlich so etwas wie einen aktiven Revanchismus geben."

Der Ton macht die Musik. Das Rückkehrrecht für Sudetendeutsche ist, angesichts der europäischen Perspektive der bilateralen Beziehungen, kein unbilliger Wunsch. So viele würden es schon nicht sein, die sich in der "alten Heimat" einkaufen, gar das alte Häuschen oder den alten Laden zurückerwerben würden, versucht man in München die benachbarten Tschechen zu beruhigen: "Dadurch entstünde schließlich keine Völkerwanderung."