Wie ein westdeutsches Gericht versucht hat, ostdeutsche Vergangenheit zu bewältigen

Von Rainer Frenkel

Berlin, im Januar

Theodor Seidel hat es geschafft, alle zu überraschen. Der Vorsitzende Richter am Berliner Landgericht hat ein Urteil verkündet, das jede Erwartung zugleich erfüllt und enttäuscht.

Wer die Mauerschützen für Verbrecher hält, dem wird das Urteil gegen Ingo Heinrich gefallen: dreieinhalb Jahre Gefängnis ohne Bewährung. Wer eine milde Bestrafung wünschte, wird mit dem Urteil gegen Andreas Kühnpast zufrieden sein: zwei Jahre mit Bewährung. Wer aber in den Angeklagten nur die kleinen, ausführenden Organe DDRstaatlichen Willens sieht, dem werden die beiden Freisprüche für Peter Schmett und Mike Schmidt zusagen. Und er wird darauf hoffen, daß bald die Großen vor Gericht stehen.

Die vier hatten in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 den Fluchtversuch zweier junger Männer gewaltsam beendet. Nach den Feststellungen des Gerichts hatten die Grenzer, von zwei Seiten jeweils paarweise auf die Flüchtlinge zulaufend, zunächst Warnschüsse in die Luft abgegeben und dann gezielt geschossen: Christian Gaudian wurde am Fuß verletzt, Chris Gueffroy getötet. Er war, soweit bekannt, das letzte Opfer an der Berliner Mauer.

Der Prozeß, der von seinem Tod handelte, war das erste Verfahren gegen Schützen an der deutsch-deutschen Grenze. Viele weitere werden ihm folgen, denn an dieser Grenze sind in vierzig Jahren weit über zweihundert Menschen gestorben, darunter auch fünfundzwanzig DDR-Grenzer.