Wenn Freundschaften in die Brüche gehen

Dresden

Ja, was hätte er denn tun sollen? Seine Computer hatten die Ergebnisse "ordnungsgemäß, exakt und ohne jeglichen Fehler" errechnet. Damit war das Kommunalwahlergebnis der DDR vom 7. Mai 1989 "Realität". Die hatte er "bekanntzugeben" – ohne Rücksicht auf eigene Zweifel.

Egon Krenz sagt als Zeuge aus vor dem Bezirksgericht Dresden. Angeklagt sind Wolfgang Berghofer, damals Oberbürgermeister der Stadt, und Dresdens früherer SED-Parteichef Werner Moke. Sie sollen jene Wahl gefälscht haben. Und sie bestreiten ihre Mitwirkung nicht, sagen aber, Befehle "von oben" erhalten zu haben (siehe ZEIT Nr. 4 vom 17. Januar 1992).

"Oben" saß Egon Krenz. Er war Mitglied des Politbüros, Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrats der DDR und: Leiter der zentralen Wahlkommission.

Gleichwohl: Egon Krenz hat, wie er sagt, von der Tat nichts gewußt, vielmehr versucht, sie schon im Vorfeld zu verhindern. Triumphierend präsentiert er einen Brief an Erich Honecker, geschrieben ein paar Wochen vor der Wahl. Darin ist die Rede natürlich von dem Bemühen um das "bestmögliche Wahlergebnis", aber auch von zu erwartenden Einbußen, vor allem aber davon, daß in den Wahlbezirken "ähnlich wie in früheren Jahren eine konkrete Zielangabe erwartet" werde. Krenz bittet Honecker jedoch, diesmal keine "zentralen Anweisungen" oder "Wahlziele" vorzugeben, und Honecker notiert handschriftlich auf diesen Brief "Einverstanden. E.H."

Fröhlich wie immer klärt Krenz auch das Gericht darüber auf, warum er diesmal "reale" Wahlen wünschte. Es war kein plötzlicher Anfall von Wahrheitsliebe, sondern die Furcht um seine unermüdlichen Reformbemühungen, denn: "Je besser die Ergebnisse waren, desto stabiler konnten die Verhältnisse in der DDR dargestellt werden." Was aber als stabil zu verkaufen ist, will er damit sagen, muß nicht reformiert werden. Außerdem hat Egon Krenz, der heute in Berlin eine Ausbildung zum Immobilienmakler durchmacht, noch ein übriges getan und die diversen Wahlkommissionen in einer vertraulichen Verschlußsache (warum: vertraulich?) aufgefordert, bei der Organisation der Wahl und bei ihrer Auswertung das DDR-Wahlgesetz "strikt einzuhalten".

Der Vorsitzende Richter Gerd Halfar wundert sich, warum so viel Vorsorge keine Früchte trug, und fragt Egon Krenz, wer denn nun den Befehl zu fälschen gegeben habe. Dazu kann der Zeuge nun rein gar nichts sagen. Er vermutet mal, "die Lücke kann in der Atmosphäre liegen". Daraufhin mosert ihn Berghofers Anwalt Otto Schily an: "Daß sie verschwommen antworten können, Herr Krenz, das wissen wir." Woraufhin der Zeuge etwas von "vorauseilendem Gehorsam" murmelt (was doch eher ein nacheilender Ungehorsam gewesen wäre) und von einem "falschen Wettbewerbsgeist und Übereifer".

Wenn Freundschaften in die Brüche gehen

Bisher hatten die Zeugen die Schuld von unten nach oben gereicht. Krenz schickt sie zurück in die Gegenrichtung, was Dresdner Staatsanwälte mittlerweile dazu gebracht hat, nun gegen ihn wegen Verdachts der Falschaussage zu ermitteln und auch wegen Verstrickung in die Fälschung.

Während also der Schwarze Peter fleißig hin- und hergeschoben wird, während das staunende Publikum erfährt, daß eine Fälschung keine Fälschung ist, sondern eine "Schönung", die gleichwohl im Rang der "Realität" erscheint, ist zu gleicher Zeit der rasante Niedergang von Männerfreundschaften zu beobachten.

Besonders unbeliebt hat sich Wolfgang Berghofer gemacht, vielleicht, weil er die Wende am schnellsten schaffte und früh im Jahr 1990 die SED-Nachfolgerin PDS verließ. So muß er sich vom früheren SED-Bezirkschef und heutigen PDS-Bundestagsabgeordneten Hans Modrow einen "ehemaligen", von Egon Krenz einen "früheren Freund" nennen lassen. Auch der Mitangeklagte, Werner Moke, hält nicht mehr viel vom Ex-Oberbürgermeister. Er bedauert, offenkundig weil ihm Berghofers Aussagen partiell nicht gefallen, daß er sich von Vier-Augen-Gesprächen keine Notizen gemacht hat. Daraufhin bedauert Wolfgang Berghofer auch und würdigt ihn keines Blickes mehr. Hans Modrow wiederum kann sich noch gut daran erinnern, daß Werner Moke ihn unterstützt habe in seiner kritischen Haltung gegenüber Honecker, während er das von Berghofer nicht sagen kann.

Auch Krenz sattelt noch drauf: Berghofer hatte in seiner Vernehmung gesagt, er habe noch am Tag vor der Wahl den "Schwachsinn" der verordneten Fälschung durch ein Telephonat mit Krenz ausräumen wollen, ihn aber nicht erreicht. Krenz kontert kühl: Ein solcher Versuch hätte gar nicht scheitern können, man sei über eine "R-Linie" (R für Regierung) jederzeit füreinander erreichbar gewesen. Er insinuiert damit, den Versuch habe es nicht gegeben, wie denn auch, wo es doch, sagt Krenz, keine "zentrale Zielstellung" gab.

Wer nun daraus, daß Krenz und Modrow beide den Berghofer nicht mehr mögen, schlösse, sie seien einander gewogen, läge wieder falsch: Zwar ohne einen Namen zu nennen, aber eindeutig auf Hans Modrow bezogen, sagt Egon Krenz, die von Hans Modrow damals beklagte Lage Dresdens sei "mehr dramatisiert worden als notwendig". Und plötzlich, ein paar Sätze weiter, steht im Raum: Die Fälschung der Wahl war die liebedienerische Antwort Hans Modrows auf die politische Rüge, die ihm damals die Zentrale in Berlin verpaßt hat.

Krähen hackten einander nicht die Augen aus?

Rainer Frenkel