Bisher hatten die Zeugen die Schuld von unten nach oben gereicht. Krenz schickt sie zurück in die Gegenrichtung, was Dresdner Staatsanwälte mittlerweile dazu gebracht hat, nun gegen ihn wegen Verdachts der Falschaussage zu ermitteln und auch wegen Verstrickung in die Fälschung.

Während also der Schwarze Peter fleißig hin- und hergeschoben wird, während das staunende Publikum erfährt, daß eine Fälschung keine Fälschung ist, sondern eine "Schönung", die gleichwohl im Rang der "Realität" erscheint, ist zu gleicher Zeit der rasante Niedergang von Männerfreundschaften zu beobachten.

Besonders unbeliebt hat sich Wolfgang Berghofer gemacht, vielleicht, weil er die Wende am schnellsten schaffte und früh im Jahr 1990 die SED-Nachfolgerin PDS verließ. So muß er sich vom früheren SED-Bezirkschef und heutigen PDS-Bundestagsabgeordneten Hans Modrow einen "ehemaligen", von Egon Krenz einen "früheren Freund" nennen lassen. Auch der Mitangeklagte, Werner Moke, hält nicht mehr viel vom Ex-Oberbürgermeister. Er bedauert, offenkundig weil ihm Berghofers Aussagen partiell nicht gefallen, daß er sich von Vier-Augen-Gesprächen keine Notizen gemacht hat. Daraufhin bedauert Wolfgang Berghofer auch und würdigt ihn keines Blickes mehr. Hans Modrow wiederum kann sich noch gut daran erinnern, daß Werner Moke ihn unterstützt habe in seiner kritischen Haltung gegenüber Honecker, während er das von Berghofer nicht sagen kann.

Auch Krenz sattelt noch drauf: Berghofer hatte in seiner Vernehmung gesagt, er habe noch am Tag vor der Wahl den "Schwachsinn" der verordneten Fälschung durch ein Telephonat mit Krenz ausräumen wollen, ihn aber nicht erreicht. Krenz kontert kühl: Ein solcher Versuch hätte gar nicht scheitern können, man sei über eine "R-Linie" (R für Regierung) jederzeit füreinander erreichbar gewesen. Er insinuiert damit, den Versuch habe es nicht gegeben, wie denn auch, wo es doch, sagt Krenz, keine "zentrale Zielstellung" gab.

Wer nun daraus, daß Krenz und Modrow beide den Berghofer nicht mehr mögen, schlösse, sie seien einander gewogen, läge wieder falsch: Zwar ohne einen Namen zu nennen, aber eindeutig auf Hans Modrow bezogen, sagt Egon Krenz, die von Hans Modrow damals beklagte Lage Dresdens sei "mehr dramatisiert worden als notwendig". Und plötzlich, ein paar Sätze weiter, steht im Raum: Die Fälschung der Wahl war die liebedienerische Antwort Hans Modrows auf die politische Rüge, die ihm damals die Zentrale in Berlin verpaßt hat.

Krähen hackten einander nicht die Augen aus?

Rainer Frenkel