Genscherismus

Von der New York Times wurde Helmut Kohl vorgehalten, er habe von einem Bonner "Sieg" in der Anerkennungspolitik gegenüber Kroatien gesprochen. "Sie siegen wieder, die Deutschen." Das Wortlaut-Protokoll vom Dresdner CDU-Parteitag belegt aber, daß der Kanzler bescheidener von einem "großen Erfolg" für die deutsche, "ich glaube, auch für die europäische Politik" sprach. Daraus wurde ein victory. Hans-Dietrich Genscher wiederum, danach gefragt, ob es sich um einen großen Erfolg der Bonner Außenpolitik gehandelt habe, machte den "Erfolg" noch kleiner. Nein, es sei eine "eindrucksvolle Bestätigung meiner Erklärung, daß wir nicht Machtpolitik betreiben, sondern Verantwortungspolitik" – eine schöne neue Variante im Sprach-Genscherismus.

Teil-Dementi

Drama im Wasserwerk. Bundesverkehrsminister Günther Krause, ohnehin kein Geliebter, soll gesagt haben, Bonn heiße für ihn "Mief". Und was denkt er über die Parlamentarier? Der Autorin eines Portraits in einem Buch über die "Laienspieler" zufolge: "Wer intelligent ist und Geld machen will, geht in die Wirtschaft. Diejenigen, die nicht die genügende Intelligenz aufbringen und trotzdem zu viel Geld kommen wollen, sitzen in Bonn." Nicht nur Renate Schmidt, die Parlamentsvizepräsidentin, zürnte: Krause gehöre schließlich dem Parlament an und streiche das Geld auch ein. Krause wiederum dementierte halb. Er habe das so nicht gesagt. Mag ja sein. Aber spätestens seit er vor einem Parlamentsausschuß nicht erschien, weil er "krank" war, am Abend zuvor aber in feuchtfröhlicher Stimmung in einem Restaurant musizierte, glaubt ihm keiner mehr. Bald hält Krause in Bonn den Halb-Dementier-Rekord. Und jetzt auch noch "Nestbeschmutzer" Der Verkehrsminister müßte schon weit aus dem Mittelmaß herausragen, wenn ihm auch das verziehen werden soll.

Mao statt Marx

In Amerika – und nur in Amerika! – gibt es noch wahre Revolutionäre. Die gesammelten Werke von Karl Marx und Friedrich Engels werden bald auf englisch vorliegen. Lange haben die Amerikaner warten müssen: Der New Yorker Verlag International Publishers arbeitet seit fast zwanzig Jahren an dieser Edition. Bis jetzt sind lediglich die Hälfte der Bände im Handel; und Rückenstärkung aus der früheren Sowjetunion wird es nicht mehr geben. Trotzdem wollen die International Publishers ihr Vorhaben durchziehen. Die Ausgabe ist gesichert, der Absatz nicht: Revolution Books, eine Buchhandlung in Cambridge, Massachusetts, meldet, sie werde die roten Klassiker nicht mehr los. Das ist für die Buchhändler in der Bannmeile der Harvard-Universität indes kein Anlaß zur Panik: Der mit einer maoistischen Partei in Chicago verflochtene Laden setzt einfach andere kommunistische Ikonen ab. Zum Beispiel ein T-Shirt mit der Aufschrift "Mao – jetzt erst recht".