Manfred Stolpe als Kirchendiplomat: Wie ein freimütiger Rückblick ins Zwielicht gezerrt wird

Von Robert Leicht

Was heißt politische Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit – und wozu betreiben wir sie?

Schon seit langem war abzusehen, daß der entscheidende Test auf diese Frage kommen werde, wenn der erste große Stein auf Manfred Stolpe geworfen wird – auf den früheren Kronjuristen der protestantischen Kirche in der DDR und heutigen Ministerpräsidenten von Brandenburg. Immer wieder sah es fast so aus, als werde die Debatte über diesen von allen respektierten Kirchenpolitiker der Vorwende, den offen anzugreifen niemand wagte, hintenherum eingefädelt. Aber noch jedes Mal scheuten die Widersacher bisher zurück.

Paradoxerweise explodierte die Debatte nun, weil Manfred Stolpe selber über sein Tim unter der SED-Diktatur berichtet hat. Wer schon lange sein Mütchen an Stolpe kühlen wollte, aber nicht wußte, was er ihm eigentlich vorwerfen sollte – jetzt, da der vormalige Konsistorialpräsident einen ersten Rechenschaftsbericht niederschrieb, eröffneten sie die Hexenjagd. Der Vorabdruck eines Buchkapitels aus Stolpes Feder im Spiegel war noch kaum an den Kiosken, da lag schon die Forderung des CSU-Generalsekretärs Erwin Huber auf dem Tisch, Stolpe solle zurücktreten. Daß das Münchner Fernseh-Magazin Report ähnliches forderte, unterstreicht nur die Unabhängigkeit des Bayerischen Fernsehens von der bayerischen Staatsmacht.

Doch lauter noch als die Angriffe auf Stolpe erklangen die Stimmen der Solidarität. Die ehemaligen Bundeskanzler Brandt und Schmidt dokumentierten in einer gemeinsamen Erklärung ihre Empörung. Stolpe habe unter den Bedingungen der DDR einer beträchtlichen Zahl von Menschen helfen können. Dafür gebührten ihm "Anerkennung und Dank, nicht Tadel und falsche Verdächtigung". Die demokratische Ordnung dürfe nicht durch dubiose Kampagnen unterspült werden. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer sieht in den Angriffen auf Stolpe eine "Art Bürgerkrieg mancher Westdeutscher gegen die Ostdeutschen".

Hätte der Spiegel den Vorabdruck des Stolpe-Textes (das vollständige Kapitel wird im übrigen wesentlich facettenreicher und differenzierter zu lesen sein) nicht mutwillig mit dem Hautgout einer Sensation versehen, der Bericht wäre weitaus unbefangener aufgenommen worden. Nun aber ergibt sich ein doppelter Befund: Sowohl die Kritiker als auch die Verteidiger argumentieren grobschlächtiger als Stolpe selber. Der eigentlich Betroffene bekennt sich nicht nur aufrechter zu seiner Rolle, als seine Gegner es wahrnehmen, er sieht sie auch selbstkritischer als seine Anhänger.