Von Otto Kallscheuer

Weltpolitisch betrachtet bedeuteten die achtziger Jahre nicht allein das Endspiel des Kalten Krieges (mit bekanntem Ausgang), sondern auch die Rückkehr des Religiösen in die Politik. Die bekanntesten Beispiele sind die islamische Revolution im Iran und die auf sie folgende Erschütterung der politischen Gleichgewichte in der arabischen Welt, sodann die von Jerry Falwell und anderen fundamentalistischen Tele-Evangelisten inspirierte moral majority hinter der Präsidentschaft Ronald Reagans und – nicht zuletzt – das katholische Milieu und die prophetische Botschaft Papst Karol Wojtylas als eine entscheidende Triebkraft hinter dem Erfolg der polnischen Freiheitsbewegung Solidarnosc.

Die explizit religiösen Obertöne der wichtigsten politischen, oft revolutionären Bewegungen des letzten Jahrzehnts sind zwar auch hierzulande nicht unbemerkt geblieben (ja, im polnischen Fall waren sie zumindest eines der Motive für die fehlende Solidarität der westlichen Linken), einer ernsthaften öffentlichen Erörterung – jenseits religionssoziologischer Fachdebatten – wurden sie jedoch bisher kaum für würdig erachtet.

Zwei Haltungen gegenüber den verschiedenen Formen des religiösen Revivals überwogen, die beide unschwer auf das Erbe der Aufklärung zurückgeführt werden können:„Ecrasez l’infâme!“ (Voltaire) – voilà, die alten Feinde von Vernunft und Selbstbestimmung regen sich erneut, verteidigen wir darum die Aufklärung gegen die Religion! – lautete die eine; die Hoffnung auf einen evolutionären Prozeß der Modernisierung zurückgebliebener Gesellschaften wie Polen oder Iran, in dessen Gefolge auch der religiöse Radikalismus seine Basis verlieren müsse, bildete die andere Variante westlicher Selbstgewißheit.

Die brillante Studie des französischen Islamwissenschaftlers und Politologen Gilles Kepel zeigt, daß beide Einstellungen das Phänomen verfehlen. Schon deshalb ist ihr eine breite Leserschaft zu wünschen. „Die Rache Gottes“, 1991 in Frankreich erschienen, wurde erfreulich schnell übersetzt und kommt so in Deutschland rechtzeitig auf den Markt, um auf die neuesten – mit dem jüngsten Sieg der islamischen Heilsfront FIS in Algerien auch hierzulande unweigerlich verbundenen – Ängste vor dem „islamischen Fundamentalismus“ eingehen zu können.

Kepel tut dies erstens dadurch, daß er die historischen Wurzeln der islamistischen Welle ausführlich rekapituliert, und indem er zweitens frappierend parallele Entwicklungen im Christentum und Judentum aufzeigt. In allen drei Heilsreligionen bildeten sich nämlich bereits in den sechziger Jahren kleine Gruppierungen, die eine moralische Ablehnung der gesellschaftlichen und politischen Moderne mit einer radikalisierten Rückkehr zur religiös bestimmten Gemeinschaft verbinden. Kepel erwähnt etwa für die islamische Welt die Gefolgsleute Sayyid Qutbs, eines 1966 in Ägypten hingerichteten Intellektuellen, dessen Ablehnung der säkularen Moderne als sündiger Jahiliyya erst in den siebziger Jahren massenhaft Nachahmer fand; sodann die von Don Luigi Giussani im italienischen Katholizismus in Gegenzug zum aggiornamento des zweiten Vaticanum ins Leben gerufenen militanten Studentengruppen von „Comunione e Liberazione“ und die charismatischen Strömungen im französischen Katholizismus; die eine christliche „Wiedergeburt“ des einzelnen und der Familie betreibenden Evangelikaien in den USA; sowie schließlich die „reuevolle Rückkehr“ zahlreicher jüdischer Intellektueller aus der Diaspora zum ultraorthodoxen oder chassidischen Judentum.

Kepels wohltuend sachliche Analyse läuft nun gewiß nicht auf eine Relativierung der „fundamentalistischen Gefahr“ hinaus; doch ebensowenig gibt sein Buch dem liberal-aufgeklärten common sense umstandslos recht. Diagnose: Der neue Radikalismus der Weltreligionen bedeutet keine Rückkehr zu einem historischen oder fiktiven Status quo ante, sondern bildet eine neuartige Antwort auf die existentiell wie sozial enttäuschende Erfahrung mit der modernen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik selbst. Prognose: Es werden vermutlich vor allem die sich seit den siebziger Jahren „von unten“, das heißt durch die Bildung von religiösen Gemeinschaften, in der Gesellschaft ausbreitenden Strömungen sein und weniger die direkt („von oben“) nach politischer Macht und Einfluß strebenden klassischen Integristen, die die Basis für die neue politische Macht religiöser Bewegungen gegen Ende unseres Jahrhunderts darstellen.