Von Robin Detje

Irgendwann (letzten Monat? letztes Jahr?) stieß der Reisende zwischen den Kabelkanälen irgendwo im großen weißen Rauschen plötzlich auf ein paar interessante Minuten Film. Da schien es um eine Liebesgeschichte zu gehen – aber die Liebenden sprachen mit Vorliebe von Videoleinwänden zueinander, entblößten sich vor ihrer eigenen Kamera, dem Geliebten zur Freude, oder verschickten traurige Abschiedsbotschaften auf Magnetband. Oder sie begegneten einander unerwartet auf einem Hotelflur, das Hausmädchen und der Zimmerkellner – zwei verlorene Angestellte in einer Welt mit befremdlichen Regeln.

Die Menschen, von denen dieser Film erzählte, schienen verliebt zu sein in die Idee, ein Bildnis von sich selbst zu machen und darin zu versinken. Bilder zu machen schien ihre Fortbewegungsart zu sein, der Weg, auf dem sie durchs Leben gingen. Aber das Schönste daran war: Ihr Erzähler, ihr Erfinder und Gott, schien selbst nicht in die Technik verliebt zu sein, die er benutzte und die er beschrieb – nicht in Videokameras, Multimedia-Applikationen oder HDTV. Das hier war keine Reise ans Ende der Spielzeug-Welt (wie bei Wenders) und kein messianisch jauchzender Sprung kopfüber in die "Paintbox" (wie bei Greenaway). Dieser Erzähler hier wollte von unserer Welt berichten, von der Seele des Menschen gegen Ende der achtziger Jahre (und nebenbei von Amor, dem zeitlosen Anarchisten). Die Videokamera in den Händen seiner Protagonisten wies auf sie selbst (und uns) zurück und erzählte von ihrer (und unserer) Einsamkeit.

Nach ein paar Szenen ging der Film – der "Speaking Parts" hieß – durch einen unbedachten Druck auf die Fernbedienung im Strom der Bilder verloren. Irgend jemand schrieb noch schnell den Namen des Regisseurs an eine Wand: Atom Egoyan. Dann begann die "Mini-Playback-Show".

*

Atom Egoyan ist 31 Jahre alt, ein Armenier, in Kairo geboren und an der Westküste Kanadas aufgewachsen. Das klingt exotisch. Im Fernsehinterview wirkt der Regisseur jung, sehr ambitioniert und ein klein wenig eitel.

Egoyan ist ein Egozentriker, ein Solipsist. Seine Methode, auf der Leinwand eine Geschichte zu erzählen (oder viele ineinander verschachtelte), ist im wahrsten Sinne des Wortes "eigen"; als Vorbilder nennt er den Marquis de Sade und die britische Komikertruppe Monty Python. Auch was Egoyan erzählt, ist eigenartig. Philosophische oder sozialpsychologische Werke erzählen solche Geschichten, oder Romane – und an Romane erinnern Egoyans Filme noch am ehesten.