Ein wenig zitterte seine Stimme noch. Was er aber zu sagen hatte, in eindringlichen, klaren Worten, ließ aufhorchen. Christoph Singelnstein, erst seit wenigen Wochen Chefredakteur von Radio Brandenburg und erster ostdeutscher Kommentator in den Tagesthemen, wagte sich – in Sachen Manfred Stolpe – auf die "Gratwanderung zwischen Kirche und Stasi". Mit offenkundiger Kompetenz und gänzlich frei von jener gratismutigen Häme, die aus Report (ARD) und Was nun, Herr Stolpe (ZDF) gequollen war, redete Singeinstein über jene "Gratwanderung", die auch für sein Leben als Metapher taugen würde.

Singeinstein, 1955 in Greifswald geboren, hatte, nach eigener Einschätzung, "das Glück", in einem Elternhaus aufzuwachsen, in dem er gelernt habe, "Widersprüche auszuhalten, selber zu denken und Haltungen anderer zu tolerieren". Dieses so gar nicht selbstverständliche "Glück" führte ihn folgerichtig in den kirchlichen Widerstand.

Er erzählt also aus seinem Leben, wenn er heute kommentiert: "Vor allem die Kirche war Mittelpunkt oppositionellen Geschehens", aus ihr kam "die zunehmende Kraft des Widerstands."

"Naiv" nennt er jene "allzu schnell urteilenden Journalisten", die "mit heutigem Wissen" und "wenig historischem Verstand" glauben machen wollen, die Protagonisten der Opposition "hätten sich der Stasi entziehen können".

Wenn Singeinstein auch dem Club der feinen Kommentatoren einen Tribut zu entrichten hatte – Schlips und Kragen –, seinen klaren, eindeutigen Ton hat er behalten. So darf er das "wohlfeile" Lamento beklagen und sagen: "Das Kriterium für Schuld kann nur sein: jemandem geschadet zu haben". Daß er das bei Stolpe für ausgeschlossen hält, ist offenkundig, muß also nicht ausgesprochen werden. Theatralik ist nicht Singeinsteins Fall, wohl aber das Theater. Von 1977 an studierte er fünf Jahre lang die einschlägigen Wissenschaften, danach ging er zum Rundfunk der DDR, wo er bis zur Wende als Hörspieldramaturg und Produzent arbeitete. Danach, im August 1990, wurde er, auf SPD-Ticket, zum Geschäftsführenden Intendanten des Funkhauses Berlin berufen.

Kurz darauf legte er, vor dem Medienforum der Friedrich-Ebert-Stiftung, in Leipzig sein Credo ab: "Die Medien in der DDR werden ... anders sein müssen als in der ehemaligen BRD." Sie hätten "Trauerarbeit zu leisten". Aber nicht intern. Um "Öffentlichkeit" herzustellen, "das Fruchtwasser der Demokratie", forderte er "übergreifende und integrierende Strukturen, den Austausch von Redakteuren und Programmteilen". Daß das schwierig würde, war ihm klar, denn: "Es gibt eine DDR-Mentalität, und mit der werden wir in den nächsten Jahren noch zu rechnen haben."

Mit Rudolf Mühlfenzl, dem später ihm vorgesetzten Rundfunk-Beauftragten, hatte er da noch nicht gerechnet. Doch er hat sich von dessen Rauhbeinigkeit nie provozieren lassen. Sonst hätte er jeglichen Einfluß auf die Abwicklung des Zentralen Rundfunks der Nunmehr-Nichtmehr-DDR verloren. Bitterkeit oder beleidigter Rückzug sind für Singeinsteins Arbeit keine Kategorien.