Von Helmut Schödel

Am Würstlstand zerbeißt der Reporter die Haut einer Burenwurst. Krachend zerspritzt in seinem Mund das Fett, das er mit einem Schluck aus einem Flachmann in seinen ängstlich knurrenden Magen hinunterspült. Diese Übung gehört zur Vorbereitung für sein Treffen mit dem Schriftsteller Werner Schwab, dessen Theaterstücke unter Kleinbürgern und Provinzlern spielen, irgendwo zwischen Beisl, Burenwurst und Bilka. Jedes einzelne dieser Stücke, die zusammen eine "Tetralogie der Fäkalien" ergeben, enthält eine Überdosis Mord und Totschlag, Kannibalismus, Alkoholismus, Despotismus. Diese Texte sind Attentate auf die Grammatik und Endsiege über den guten Geschmack. Tagelang hat sich der Reporter diese Schwab-Welt in seinen Kopf hineingestopft und als flankierende Maßnahme in Burenwürste gebissen. Jetzt steht er am Würstlstand und faßt seine Lage in Schwabs Worten zusammen: "Arschfotzenleben, gottverfluchtes!" Ein paar Stunden später wird er ihn dann endlich treffen, den Attentäter, den Geisterfahrer, den Schwab – Höhepunkt und Ende einer Passion.

Das Wiener Schauspielhaus hat (als Koproduktion mit dem Grazer forum stadtpark theater) die Uraufführung von Schwabs Schauspiel "Mein Hundemund" angekündigt, nach "Die Präsidentinnen", "Übergewicht, unwichtig: Unform" und "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" der letzte Teil der "Tetralogie der Fäkalien". Schon "Die Präsidentinnen" beschrieben, wie sich die Menschen die Köpfe zusammenhauen, "bis das Blut spritzt und die Seelen auswandern". In "Übergewicht, unwichtig: Unform" hat eine Beisl-Besatzung aus männlichen "Schweindis" und weiblichen "Hasis" ein Liebespaar einfach aufgefressen. "Wir haben erneut versagt", kommentierte Jürgen, der Lehrer, das Massaker "sehr ernst". Und die Wirtin klagte: "Ich werde schon wieder den großen Ofen einheizen müssen, auf daß wir die Knochen verbrennen können." In der "Volksvernichtung" vergiftet die Witwe Grollfeuer eine ganze Hausgemeinschaft, und der Drecksepp, ein alter Kleinbauer, Hauptfigur in "Mein Hundemund", wirft sich am Ende seinem eigenen Köter freiwillig zum Fraß vor, während ihm seine Frau einen letzten Stoß versetzt: "Dein Hirn fliegt fort. Dein Sterbetag ist ausgeschlüpft."

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Wie Geisterschiffe landen Schwabs Stücke in unseren Theatern. Noch weiß niemand genau, woher sie eigentlich kommen, und auch ihr Autor scheint vom Himmel gefallen, ist in unsere befriedete Theaterlandschaft eingeschlagen wie ein Meteor. Noch vor einem Jahr hat ihn kaum einer gekannt, und jetzt feilschen schon die großen Häuser zwischen Düsseldorf, Frankfurt, München, Basel und Wien um die Uraufführungen seiner Texte. Fünf weitere Stücke hat Schwab inzwischen geschrieben und einen längeren (bisher nur in der Zeitschrift manuskripte publizierten) Prosatext: "Abfall Bergland Cäsar".

Eine Zeitlang dachte man, die Wirklichkeit hätte die Phantasie der Autoren schließlich überflügelt, sei schärfer als die Satire, absurder als die Groteske, lächerlicher als die Klamotte. Mit Werner Schwab sind wir jetzt auf die unfeinste Art aus dem Schneider. Er ist ein genialer Übertreiber, ein hemmungsloses Schandmaul, ein kreuzfideler Pessimist. Mit seinem spontihaften Defätismus bringt er uns zu ganz alten Fragen zurück. Was ist eigentlich der Mensch, angesichts der Metzgerei in diesen Stücken? "Es gibt nur den Menschen, den es nicht gibt", sagt der Drecksepp am Ende von "Mein Hundemund". Der Mensch bleibt in diesen Stücken eine Utopie. Und eine Utopie, schreibt Schwab, sei "eine Vorform von Alkoholismus". Die Welt stinkt nach Fusel und Exkrementen. "Gott ist eine Verdauung ohne Gedärme." Das Leben ist ein Fäkaliendrama.

Weltuntergangsvision am Würstlstand, frei nach Werner Schwab: Die Burenwürste verdrehen ihre Fettaugen, ziehen sich die Haut über den Kopf, gehen auf die Straße, "küssen den Speckbauch ihres Requiems" und lassen sich überfahren.