Der Streik in der Stahlindustrie findet nicht statt, aber der nächste Arbeitskampf steht schon ins Haus. Bei den Banken laufen in dieser Woche die Urabstimmungen. Wenn sich nicht dort ebenfalls in letzter Minute ein Kompromiß finden läßt, rollt der Rubel (sprich: die Mark) bald nicht mehr. Und an diesem Freitag beginnen in Stuttgart die Verhandlungen für den Öffentlichen Dienst. Auch hier sind ausgesprochen harte Auseinandersetzungen zu erwarten.

Die Sechs vor dem Komma, die beim Stahlabschluß von der IG Metall vorgerechnet wird (siehe Seite 27), darf bei der nun erst richtig anlaufenden Tarifrunde 1992 keine Rolle spielen, auch wenn die Gewerkschaften jetzt so tun, als wäre ein Signal gesetzt. Die IG Metall selbst hat zu Recht monatelang behauptet, die Stahlgespräche bildeten den Abschluß der Tarifrunde des vergangenen Jahres. Will sie sich nicht unglaubwürdig machen, muß sie dabei auch jetzt bleiben.

In der kapitalintensiven Stahlbranche liegen die Lohnkosten zwischen 20 und 25 Prozent, da gerät ein Unternehmen durch einen halben Prozentpunkt mehr nicht gleich ins Wanken. Im öffentlichen Dienst, aber auch in einigen Industriezweigen ist die Situation anders. Darauf und auf die speziellen Konjunkturchancen der einzelnen Bereiche muß in diesem Jahr stärker als in der Vergangenheit Rücksicht genommen werden.

Es darf also 1992 kein absolutes Lohndatum geben. In gut florierenden Branchen – etwa bei Banken, Versicherungen oder beim Bau – lassen sich diesmal höhere Abschlüsse rechtfertigen als im öffentlichen Dienst oder in der nicht mehr so stolz wie bisher dastehenden Metallindustrie.

Das müssen sich nicht nur Gewerkschaften und Arbeitgeber ganz klar vor Augen führen, sondern auch jene Politiker, die noch immer mit pauschalen Empfehlungen alle über einen Kamm scheren. Wer nicht Abschied nimmt von den alten Denkmustern, gefährdet den sozialen Frieden. Denn noch stehen uns die härtesten Tarifkonflikte dieses Jahres bevor. ms