Held heißt er, und Ernst, und die Situation ist irgendwie typisch für ihn: Da ist er mit seiner blonden Freundin (aus dem Schönheitssalon) mal wieder auf die Schnelle (spätnachmittags) vors Städtchen hinausgefahren (im sonnig-bayerischen Oberland) zu dem Haus, das er dort hat, und nun sitzen die beiden auf der Veranda und können nicht hinein: denn den Schlüssel dazu, den hat seine Frau. Darüber hinaus hat sie auch das ganze Geld in der Ehe und das Einheits-Ferienhotel im Ort, wo auch er arbeiten darf. Und auch das Sagen hat sie, ihm gegenüber, so daß ihm nicht sehr viel mehr an Freiheit bleibt als ein paar eher platonische Amouren und ein bißchen Poesie, im Selbstverlag.

What makes a man wander...Natürlich hat sie durchaus ihre Vorteile, eine solche Situation, eine solche Prostitution, aber ein Leben lang mag sich auch der anspruchsloseste Mann nicht aushalten lassen. Heids Chance kommt, als seine Frau ihn mit der Blonden überrascht und hinausschmeißt, da muß er wieder am Nullpunkt anfangen. Also begibt er sich nach München, ohne Geld oder Perspektiven, nur mit seinen Erfahrungen als Kellner, und die Gesamtauflage seines Lyrikbandes schickt seine Frau hinterher.

Doch heimisch wird der Held auch in München nicht werden, selbst hier scheint eine Verschwörung der Frauen zu herrschen, da bleibt dem Mann – Pegasus flieg! – nichts anderes, als sich auf seine angeborene Heimatlosigkeit zu besinnen, Nomade, loner, Einzelgänger zu werden.

Ausgeschlossen, abgesondert, abserviert: ein typisches, nicht nur süddeutsches Männerschicksal? Als Sonderling geht Gerhard Polt durch diese Welt, als Outsider und orphischer Outlaw. Er stellt sich quer und nimmt sich Zeit, das verbindet ihn, der hier zum erstenmal auch selbst Regie führt, mit anderen Kino-Komikern. Er läßt den Blick schweifen, in den Münchner Straßen und Lokalen, im „Augustiner“ oder im „Goldenen Löffel“.

In den wirklich komischen Filmen ist das Komische keine Frage der Effekte, sondern der Evidenz. „Er filmt eine Landschaft“, schrieb vor 35 Jahren Godard über Tati, „nur weil genau in dem Augenblick das Fenster eines Häuschens am äußersten Ende des Bildfeldes aufgeht, und ein Fenster, das aufgeht, ist eben komisch.“ So einfach funktioniert die Komik, und vor ein paar Wochen erst hat Wenders in einer amerikanischen Filmzeitschrift bekundet, daß er immer noch in Tatis Filmen hemmungslos ins Lachen gerät: ohne daß er sich erklären könnte, weshalb.

Tatis komische Unschuld geht Polt ab. Auf der Bühne hat man ihm zuschauen können beim Verfertigen seiner Perspektiven und Standpunkte, und das Unbehagen in unserer Kultur war ihm körperlich anzusehen. Im Kino sucht sein Blick nur noch das Originelle und stößt dabei stets aufs Stereotype. Abziehbilder und Schießbudenfiguren sind seine Figuren, die guten wie die bösen, die lieben anachronistischen Typen, die ihre Tage am Wirtshaustisch absitzen, wie die kindischen Funktionäre der bayerischen Television, Nachfahren von Bölls unsterblichem Bur-Malottke.

Polt bleibt ganz auf Distanz, er macht ein Kino der Kontemplation, aber die Tendenz zur eindeutigen Satire macht seinen Film steril und öde, es fehlt ihm jenes zwiespältige, anarchische Moment, mit dem Achternbusch seine Umwelt durcheinanderwirbelt. Nur einen winzigen Augenblick ahnt man, wie dieser Film eigentlich hätte werden können: Da sitzt Polt einsam im schattigen Biergarten, aber die Idylle ist tot, das Bild ist schwarz. Das Laub der Bäume hat das Sonnenlicht geschluckt. Mit diesem Bild im Hinterkopf werden wir weiter warten, auf den ersten wirklichen bayerischen film noir. Fritz Göttler