Seit vierzig Jahren studieren Sie die verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen den Völkern. Ist der Begriff der menschlichen Rasse überhaupt sinnvoll?

Luigi Luca Cavalli-Sforza: Für mich ist er völlig willkürlich. Je nachdem, welche Kriterien man zugrunde legt, läßt sich behaupten, es gebe drei, zehn oder fünfzig Rassen. Vergleicht man die Gene verschiedener Populationen, so lassen sich keine klaren, sauberen Abgrenzungen finden. Man beobachtet eine endlose Reihe von Variationen. Keine menschliche Gruppe ist biologisch rein, wie es ein Stamm von Labormäusen sein kann. Nimmt man ein Mäusepaar und erlaubt seinen Nachkommen, sich zwanzig Generationen lang nur zwischen Brüdern und Schwestern fortzupflanzen, erhält man eine „reine Rasse“. Das gibt es nicht bei Menschen. Es gibt immer einen bestimmten Grad an Mischung. Außerdem sind die genetischen Unterschiede zwischen Menschengruppen insgesamt gesehen ziemlich gering, auch wenn es nicht so aussieht. Zwar gibt es einige Inselvölker, die Tausende von Jahren isoliert gelebt haben, doch reicht das nicht aus zur Entstehung wirklicher Rassen.

Aber die Unterschiede der Hautfarbe springen doch ins Auge.

Cavalli-Sforza: Ja und? So seltsam es erscheinen mag: Weiße, Schwarze oder Gelbe bilden keine Rassen. Biologisch ist eine Rasse eine Gruppe von Individuen, die sich genetisch sehr nahe sind. Und die phänotypischen Merkmale – wie Haut- und Haarfarbe, Größe und Gesichtsform – reichen für sich genommen nicht aus, eine menschliche Gruppe ausreichend zu charakterisieren. So können eng verwandte Völker aus Individuen unterschiedlicher Hautfarbe bestehen. Manche Indoeuropäer etwa, die angeblich zur weißen Rasse gehören, haben eine ebenso dunkle Haut wie die schwärzesten Afrikaner. Wo die Sonne brennt, finden wir schwarze Völker, so einfach ist das. Tatsächlich erzählt die Hautfarbe die Geschichte des Klimas und nicht der Völker.

Nehmen wir ein fiktives Experiment an: Man zwingt eine Gruppe Schweden, sehr lange in Afrika zu leben. Werden sie schwarz?

Cavalli-Sforza: Ich habe es nicht ausprobiert... doch wahrscheinlich kann sich die Hautfarbe in einer relativ kurzen Zeitspanne verändern. In ein paar tausend Jahren vielleicht.

Wenn ich Sie richtig verstehe, haben die rassistischen Theorien, die eine Hierarchie der Begabung bei Gruppen verschiedener Hautfarbe aufstellen, keinerlei wissenschaftlichen Wert?