Eine Sammlung von allerlei notwendigen Gebrauchsgegenständen, gesehen von Manfred Sack Wenigstens einen Augenblick lang

wollen wir stutzen, daß der Mensch kein Werkzeug braucht, um sich Hemden, Blusen, Röcke, Hosen und Jacken anzuziehen sowie in Mäntel, Pelerinen oder unter Hüte zu schlüpfen – und erst recht keines, um sich all der Kleidungsstücke wieder zu entledigen. Selbst Mieder, deren Wesen es doch ist, eng anzusitzen, um den Menschen fest zusammenzufassen (und ihm nach Kräften Figur zu geben), erfordern heute höchstens ein leichtes Verrenken der Arme auf den Rücken.

Wie merkwürdig aber, daß man meistens eine Hilfe braucht, um in die Schuhe zu kommen. Wie rief die Mutter? „Tritt nicht die Ferse nieder!“, damit sie nicht weich wird, der Schuh nicht schlappt, also weder Blasen an den Hacken noch Löcher in den Strümpfen erzeugt. Und so hängt auch in jedem guten Schuhgeschäft an fast jedem Regal eine dieser, hier sogar besonders langen Einsteighilfen: der Schuhanzieher (der übrigens, weil er ihm ähnlich sieht, auch Schuhlöffel heißt).

Nun sind Schuhe viel härteren Strapazen ausgesetzt als andere Kleidungsstücke, weshalb keines so genau ansitzen muß wie sie – erstens, damit sie lange halten, zweitens, damit sie die Füße nicht peinigen. Auch ist kein anderer Körperteil so empfindlich wie sie. Wen der Schuh drückt, der ist der Seufzer voll und schon halb krank. Weswegen er darauf aus ist, daß seine Schuhe „wie angegossen sitzen“.

Und wie wird er da nun „hineinschlüpfen und sich wohl fühlen“? Mit dem Zeigefinger? Na, hören Sie mal! Mit dem Schuhanzieher? Aber ja! Wenn er funktioniert, ist er nichts anderes als eine Rutschbahn, deshalb versehen mit einer Wölbung, die dem Hacken gefällig ist, und sehr glatt. Die gebräuchlichsten sind aus Blech (und blinkend), andere aus Kunststoff (und sehr bunt), manche aus Horn (und deshalb wie ein Horn leicht verdreht).

Die meisten sind nur eine Handspanne, andere fast einen halben Meter lang; dann braucht man sich zwar weniger tief zu bücken, muß statt dessen aber genauer zielen. Das Loch im Griff soll dazu ermuntern, sie nicht zu verlegen, sondern erinnerlich aufzuhängen. Längst gibt es auch sogenannte „Designer-Stücke“: kompliziert konstruiert, rasend teuer, nicht besser. Der Verwandte des Schuhanziehers ist der stählerne Stiefelanzieher, sein Gegenteil indes der Schuhauszieher, welcher, weil er in gewissen Kreisen in Menschengestalt auftrat (als Bursche des Offiziers, als Knecht des Junkers), auch so heißt: Stiefelknecht. Knechten heißt „unterdrücken, zum Sklaven machen“, und so wurde der Stiefelknecht eines Tages – auch um ihn jedermann zugänglich zu machen – verdinglicht. Seitdem notiert das Wörterbuch unter dem Stichwort Knccht auch „Geräte, welche Menschen dienen“, zum Beispiel der Stiefelknecht aus Holz.

Was ist ein Stiefelknecht? Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm, wiederum das eines Herrn Jacobsson zitierend, beschreibt ihn als „ein auf einem fusze stehendes starkes brett, das vorn etwas in die höhe steht, und einen ausschnitt hat, in den der hintertheil des fuszes genau hineinpasset, um darin den Stiefel von dem fusze zu ziehen, wenn man mit dem andern fusze auf den Stiefelknecht tritt“. So ist es. Der beste, den ich kenne, ist auch der ansehnlichste und der praktischste: der Ausschnitt mit Gummi eingefaßt (erstklassige Tischlerarbeit mit Nut und Feder!); der Tritt mit einem geriffelten Gummiblatt belegt, damit man nirgends abrutscht; unten zwei gut aufsitzende Füße. Kein Dekor. Auch nicht die blöde Aufschrift „Sic“ oder „Er“.

Dem Stiefelknecht aus Holz übrigens ist auch der (selbst in Possen rar gewordene) Witz zum Opfer gefallen, darin der Bursche, den einen Langschäfter des Leutnants zwischen den Schenkeln und mit dem anderen vom Leutnant in den Hintern getreten, mit dem ersten, ihn „von dem fusze ziehend“, auf die Nase fliegt. Kurz gelacht?