Mit Vorverurteilungen sind wir derzeit schnell bei der Hand, ob es um Manfred Stolpe geht oder Gregor Gysi, um Josef Duchac oder Bernt Engelmann. Manchmal haben die bösen Zungen recht, manchmal nicht. Wen interessiert am Ende schon die Wahrheit?

Vergangene Woche wurde die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) der Kungelei mit der DDR-Regierung beschuldigt. Anlaß: ein Fernfahrerstreik im Herbst 1983, der sich auch auf den Transitstrecken von und nach Berlin abspielen sollte. Die besondere Rechtslage erforderte nicht nur die Unterrichtung Bonns und Berlins, sondern auch und vor allem der Garantiemächte des Berlin-Abkommens. Die Sowjetunion habe die ÖTV an die DDR verwiesen. Daraufhin sei die DDR-Vertretung in Bonn ins Bild gesetzt worden – nicht schriftlich, wie die Alliierten, sondern mündlich, um Ost-Berlin nicht politisch aufzuwerten, sagt die ÖTV.

Und so läßt sich nicht beweisen, was gesprochen wurde, vor allem nicht, ob es wirklich nur eine Unterrichtung gab und keine Bitte um Hilfe. Dies ist der wunde Punkt der Geschichte. Denn das Ersuchen um Unterstützung läßt sich aus einem Brief des damaligen DDR-Außenministers Oskar Fischer an Erich Honnecker ableiten, ein Schreiben, das ein CDU-Abgeordneter aus den Unterlagen des Schalck-Untersuchungsausschusses zutage förderte.

Bewiesen ist damit freilich nichts, vor allem keine Anbiederung der ÖTV an einen Unrechtsstaat. Eine Gewerkschaft muß dafür sorgen, daß ihre Mitglieder ihr Streikrecht ungehindert wahrnehmen können. Überdies: Kontakte zum zweiten deutschen Staat haben seit Willy Brandt alle Bundesregierungen gepflegt – im Interesse der Menschen hüben und drüben. Unternehmer haben Geschäfte mit Volkseigenen Betrieben gemacht – im Interesse ihrer Aktionäre. Auch die ÖTV hat Interessen vertreten – die ihrer Mitglieder. All das war legitim und vernünftig. Messen wir heute mit anderer Elle? ms