Von Aloys Behler

Die Schneisen sind geschlagen, die Kameras sind justiert, das Feuer ist angeblasen. Für sechzehn tolle Tage, vom 8. bis zum 23. Februar, wenden sich die elektronischen Augen der Welt vom grauen Alltag ab und dem allfälligen olympischen Entertainment zu. Albertville und ein Dutzend angeschlossener Gemeinden in den Savoyer Alpen liefern uns die XVI. Olympischen Winterspiele ins Haus. Es sind die Spiele der längsten Wege, der größten Teilnehmerfelder, der höchsten Kosten in der Geschichte – lauter wohlfeile, nur noch routinemäßig zu registrierende Superlative, denn die Nummer kleiner ist Olympias Sache nicht und nie gewesen.

Kommerzialisierung, Professionalisierung, Gigantomanie – Schlagworte, an die man sich gewöhnt hat. Auf dem Wege zur "eiskalten Entartung", wie sie die New York Times schon vor zwei Jahrzehnten auszumachen meinte, hat die Entwicklung des immer noch fröhlich "Spiele" genannten Spektakels heute freilich ein Stadium erreicht, bei dem man sich fragen muß, ob man noch guten Gewissens zuschauen darf. Ökonomische Interessen rücken das olympische Treiben inzwischen bedenklich nahe an die Grenze zur Gemeingefährlichkeit.

Entgegen allen noch so bescheiden formulierten Richtlinien der EG zur Umweltverträglichkeit, haben es sich die Savoyer Alpen gefallen lassen müssen, zur Feier der sechzehn Tage mit eisernem Kamm frisiert zu werden. Tausende von Bäumen wurden gefällt, Hunderttausende Kubikmeter Erdreich bewegt, Hunderttausende Kubikmeter Felsstein gesprengt, und ein Strom von Beton ergoß sich ins Gebirge. Die Wunden deckt gnädig der Neuschnee, der freilich nicht willkommen ist in diesem pervertierten Traum von Winter, verträgt er sich doch nicht mit der Produktion aus den Batterien aufgefahrener Kunstschneegeschütze.

Wer sich um die Olympischen Spiele bewirbt, tut dies in der Regel nicht selbstlos. Olympia ist – darüber ist man sich in der Welt heute wohl schamlos einig – Mittel zum Zweck, Vehikel von Interessen. Die Macher von Albertville handelten durchaus auf dieser Geschäftsgrundlage, als sie zu dem nie verhehlten Zweck der weiteren touristischen Erschließung und Vermarktung der etwas abseits gelegenen Region mit der Axt in den Wald gingen, die entsprechende "Infrastruktur" zu schaffen.

Es wird Zeit, die Geschäftsgrundlage zu überdenken und den Inhaber der olympischen Weltrechte, das hochmögende Gremium des IOC, des Internationalen Olympischen Komitees, an seine Verantwortung in dieser Frage zu erinnern. Monströse Bauwerke olympischer Verirrung wie jenes Unglücksgebilde von Bobbahn in La Plagne, einer Minderheit von Athleten zuliebe völlig deplaciert in die Landschaft geklotzt für 65 Millionen Mark, muß den IOC-Herrschaften als ein Denkmal ihrer Hybris und Ignoranz erscheinen, wenn sie die Augen nicht vor ihren eigenen Werken verschließen: Es ist mit unabsehbaren Folgekosten belastet, aber später kaum zu nutzen.

Offensichtlich hat sich die Überzeugung, das Gebot der olympischen Charta, allzeit dem Frieden in der Welt verpflichtet zu sein, fordere auch schonenden Umgang mit den Ressourcen dieser Erde, im IOC noch nicht allgemein verbreitet. Die Hoffnung bleibt deshalb gering, ein Machtwort vom hohen Olymp werde die Dinge zum Besseren wenden. Das IOC, diese elitärste Formation des Weltsports, ist selten fähig oder willens gewesen, die Geschicke des internationalen Sports wirklich zu steuern; fast immer hat dieser sich stets aus eigener Machtvollkommenheit erneuernde, demokratisch weder legitimierte noch kontrollierte Verein es vorgezogen, all die Probleme auszusitzen, die die Zeitläufte ihm ins Haus trugen.