Ignaz Günther, Hauptvertreter des – bayerischen, süddeutschen, europäischen – Rokoko, hat fast ausschließlich für die Kirche gearbeitet. Nicht aus religiöser Begeisterung, sondern weil andere Auftraggeber nicht vorhanden waren. Er hat sich immer wieder um die Stelle eines Hofbildhauers an der Münchner Residenz beworben und hat sie nie bekommen.

Der Auftraggeber bestimmte die Themen, die der Künstler zu gestalten hatte. Daraus erklärt sich Günthers sakrale Thematik, die freilich seine Figuren nicht hindert, einen sinnlichen Zauber zu entfalten und auch in schlichten, ländlichen Gotteshäusern mit einer weltläufigen, einer geradezu mondänen Eleganz aufzutreten.

In der Pfarrkirche von Weyarn etwa hat Ignaz Günther eines der ältesten und beliebtesten Marienmotive, die "Verkündigung", in etwas ungemein Beschwingtes und Galantes, eine Art "Aufforderung zum Tanz" verwandelt, vielleicht das Schönste, das Vollkommenste, was die deutsche Rokokoskulptur hervorgebracht hat.

"Vollendung des Rokoko" lautet denn auch der Untertitel des Bildbandes "Ignaz Günther" (Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1991; 280 S., Abb., 128,– DM): das Werk des Bildhauers in exzellenten Neuaufnahmen von Wolf-Christian von der Mülbe, die das räumliche Ambiente der Skulpturen miteinbeziehen und zusätzlich zu den Totalen intelligent gewählte Ausschnitte, farbig und schwarzweiß, bieten.

Auch dem Autor Peter Volk, Landeskonservator am Bayerischen Nationalmuseum und Experte fürs süddeutsche Rokoko, ist es darum zu tun, die spezifischen Qualitäten der Güntherschen Skulptur herauszuarbeiten, indem er sie etwa mit den Arbeiten der Vorgänger Egid Quirin Asam und seinem Lehrer Johann Baptist Straub vergleicht.

Peter Volk würdigt aber nicht nur den genialen Einzelgänger. Er bringt eine Menge konkretes Material, um die kulturelle Situation in der damaligen Residenzstadt München und das historische Umfeld zu beschreiben, in dem das Werk sich entwickeln konnte. Gottfried Sello