Josef Stalin war überzeugt, Hitler habe sich mit einem U-Boot nach Argentinien abgesetzt. Er irrte sich, doch die Richtung stimmte: Deutsche Nazis und Kollaborateure aus ganz Europa reisten in den ersten Nachkriegsjahren zu Tausenden von Italien nach Südamerika, versehen mit einem Ausweis des Internationalen Roten Kreuzes und versehen mit dem Segen hilfreicher Priester, zuweilen auch alliierter Geheimdienste.

Vierzig Jahre zu spät trägt nun Argentinien eine „Schuld vor der Menschheit“ ab, die das peronistische Regime auf sich lud, als es von Interpol gesuchte Völkermörder und Kriegsverbrecher ihrer gerechten Strafe entzog. Bald wird sich eine Schar von Staatsanwälten, Polizeifahndern und Historikern über die geöffneten Geheimarchive hermachen, besser gesagt: über das, was beamtete Mitwisser darin liegenließen. Sensationsjournalisten werden ihre Scheckbücher zücken, und demnächst dürften – wie heutzutage Stasi- und KGB-Akten – mir nichts, dir nichts auch Nazi-Dossiers auf dem Markt auftauchen.

Ein trauriges Kapitel. Selbst Nazi-Jäger Simon Wiesenthal glaubt nicht mehr, daß man jetzt noch NS-Verbrecher fängt. Unsere Behörden aber müssen sich fragen lassen, warum erst 1959 der Haftbefehl gegen den KZ-Arzt Josef Mengele erging, der schon ein Jahrzehnt lang am La Plata gelebt hatte (zuletzt ungetarnt!). Nicht nur Argentinien muß die fünfziger Jahre aufarbeiten, auch hierzulande ist noch einiges zu tun. kj.