ARD, Donnerstag, 30. Januar: "Der Autobahnkrieg"

Das Leben, heißt es immer wieder, schreibt die besseren Geschichten. Nur hat das blöde Publikum keinen Sinn für Qualität. Denn jene TV-Gattung, die dem Leben seine Geschichten ablauscht und sie auf den Schirm trägt, der Dokumentarfilm, fristet ein eher bescheidenes Dasein im Programmhintergrund.

Vielleicht liegt das mit daran, daß der ältere Dokumentarfilm sich öfters jenem Miseren-Realismus verpflichtet fühlte, der unser aller hartes Los nur elektronisch verdoppelt und es versäumt, mit ästhetischer Lockung und epischer Spannung zum Zuschauen einzuladen. Nachdem in den achtziger Jahren das Streben nach Genuß als unverdächtiges Grundrecht auch des Fernsehzuschauers anerkannt worden ist, hat die Dokumentation zuvor vernachlässigte kulinarische Valeurs für ihre Gattung entdeckt und ausprobiert. Geschichten, die das Leben schrieb, zeichnen Fernsehmacher heute mit technischer und kompositorischer Raffinesse auf, die ein altes Vorurteil ausrangieren dürfte: Niemand braucht mehr zu befürchten, daß es Langeweile setzt, wenn ein Dokumentarfilm dran ist.

"Der Autobahnkrieg" (SWF) übermittelte keine Geschichte, sondern einen Alltagsschrecken: das Auto als Waffe. Die meisten von uns handhaben ihr Fahrzeug ja nicht nur funktional; wir spielen mit ihm, prahlen mit ihm, drohen mit ihm, manche töten mit ihm. Autor Thomas Schadt (Regie und Kamera) hat im Gefolge der mittelfränkischen Verkehrspolizei Raser beobachtet, gestoppt und befragt, Unfallorte aufgesucht und Massenkarambolagen mit der Kamera abgefahren, er hat sich neben Vielfahrer ins Vehikel gesetzt und ihnen die fälligen Fragen gestellt, von "Wie würden Sie ihren Fahrstil selbst einschätzen?" bis "Haben Sie Angst von dem Tod?" Heraus kam mehr als ein Querschnitt durch das Verkehrsgewühl und -gefühl, heraus kam dank der Konsequenz, mit der dieser Film das Auto als Gewehr präsentierte, ein scharfes Licht auf den deutschen Homo ludens kurz vor der Jahrtausendwende: Er ist ein Angeber und ein Gasgeber um jeden Preis, und er weiß es.

"Ich möchte sagen, ich bin mit meinem Auto verwachsen", gesteht ein Kraftfahrer, "das ist also eine Einheit. Ich mag mein Auto, und ich hoffe, mein Auto mag mich auch." Ein anderer: "Wenn ich alles so gut könnte wie Auto fahren, wär’ ich froh." – "Geschwindigkeit is’n Rausch, ganz klar." – "Das is’ Jagdeifer oder sonschtwas." Und auf die Frage nach der Angst vor dem Tod: "Nee, hab ich überhaupt nicht. Dazu bin ich noch zu jung."

Geschockt, gestaucht, erschüttert stehen die Jäger neben ihren zerbeulten Maschinen, wenn es gekracht hat, wenn der Schutzengel, den "jeder Mensch braucht", nicht zur Stelle war. Der Kerl da vor mir "geht voll in die Eisen" und ich hintenrein. So ein Unfall ist wie eine "kosmische Watsch’n". Aber die Wirkung hält ähnlich wie die Kopfnuß im Erziehungswesen nicht sehr lange vor. Die Wildnis ruft. "Der Kampf Stoßstange gegen Stoßstange" geht weiter.

Solche Schrecken, die das Leben mischt, lassen sich vortrefflich für das Fernsehen mitschneiden, und die neuere Wendigkeit von Kameras und Filmemachern läßt längst nicht mehr befürchten, daß der altmodische Zeigefinger die Dramaturgie dominiert. Auch Schadt redete niemand ins Gewissen, sondern brachte das Gewissen der Autobahnkrieger zum Reden. Da mag nun der Zuschauer denken: So sind’s halt, die Menscher, da kann man gar nichts tun oder: Ob die Leut’ nun so sind oder nicht, da muß man was tun. Barbara Sichtermann