Drei Frauen stellen sich ihren schmerzhaften Erinnerungen. Nach Jahrzehnten des Schweigens erzählen Frieda S., Erna K. und Gertrud P. ihre Lebens-, ihre Leidensgeschichte – dürfen sie endlich erzählen. Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre waren alle drei ihren sowjetischen Ehemännern nach Moskau gefolgt. Erna K. war überzeugte Kommunistin und hatte gegen das Naziregime gekämpft; die beiden anderen Frauen gehörten keiner Partei an, waren unpolitisch. Alle drei kamen mit großen Erwartungen in die Sowjetunion; die jedoch erfüllten sich nicht. Ihre Männer gerieten in die Fänge des NKWD, der Geheimpolizei Stalins, wurden verhaftet, verschleppt; zwei von ihnen wurden hingerichtet.

Auch die Frauen werden verhaftet. Einen Grund dafür erfahren sie nicht, wie sie überhaupt über ihr weiteres Schicksal völlig im unklaren gelassen werden. Beinahe zwanzig Jahre müssen sie in sowjetischen Straflagern und in sibirischer Verbannung zubringen. „Vollkommen unschuldig“, sagt Gertrud P., „bist du für deine Ideale, deine Wünsche, deine Hoffnungen um Jahre deines Lebens betrogen worden.“ Hunger, Kälte, Schwerstarbeit, Angst bestimmen ihr Leben für zwei Jahrzehnte. Sie sind von der Außenwelt abgeschnitten, dürfen kein Lebenszeichen an Verwandte oder Freunde geben, keine Post empfangen; um sie herum herrschen Trostlosigkeit, Elend und Tod. „Wenn ich erst anfange mit Heulen“, bekennt Erna K., „bin ich sieben Tage kein Mensch.“

Ende der fünfziger Jahre werden die drei Frauen rehabilitiert, das heißt, sie erhalten ein lapidares Schreiben eines sowjetischen Gerichts, das ihnen die Aufhebung des gegen sie verhängten Urteils bestätigt. Alle drei kehren nach Deutschland zurück, in die DDR, wo sie als „Verfolgte des Nationalsozialismus“ anerkannt werden und ihnen eine Rente zugesprochen wird. Aber auch hier müssen sie schweigen. Ihr Schicksal soll nicht öffentlich bekannt werden. Über stalinistischen Terror, über Massenverhaftungen Unschuldiger, Folter, Erschießungen zahlloser Opfer soll nichts nach außen dringen.

Meinhard Stark, Geschichtslehrer in der DDR und Herausgeber des Buches, hat die drei Frauen ermutigt, ihr Schweigen zu brechen. Er hat ihren erschütternden, aufwühlenden Erinnerungen zugehört und ihre leidvollen, bewegenden Lebensgeschichten aufgezeichnet. Er will, so schreibt er in seinem Vorwort, „einen Weg der öffentlichen Rehabilitation gehen, der den Leiden und Opfern dieser Frauen wie der vielen namenlosen Toten und Lebenden gerecht wird“. Gisela Heitkamp

Meinhard Stark (Hrsg.):

„Wenn Du willst Deine Ruhe haben, schweige“

Deutsche Frauenbiographien des Stalinismus; Klartext Verlag, Essen 1991; 253 S., 34,– DM