Jene heiklen Fragen, denen jeder so lange wie möglich ausweicht, stellen sich manchmal dann doch in aller Brutalität, und es muß Farbe bekannt, die unmögliche Entscheidung getroffen werden. So ging es den Mitgliedern der Berliner Akademie der Künste (West), die darüber abzustimmen hatten, ob sie die Mitglieder der Akademie der Künste (Ost) en bloc aufnehmen wollen.

Am 31. März wäre für diese sonst Schluß gewesen. Der Auflösungsvertrag zwischen Berlin und den ostdeutschen Bundesländern ist unterschrieben, Berlin stellt die Finanzierung ein, andere Geldgeber sind nicht in Sicht. (Die Sammlungen und Archive sind in einem Sondervermögen untergebracht, für das Berlin und der Bund gemeinsam aufkommen wollen, und somit aus dem Schlamassel glücklicherweise heraus.) Denn die Ost-Akademie hatte es nach 1989 nicht geschafft, sich im Innern zu reformieren und ihren potentiellen neuen Trägern mit konkreten Ideen und Konzepten klarzumachen, warum sie sie weiter unterhalten sollten; die vorherrschende Stimmung in diesem einstmals so stolzen DDR-Institut hieß: „Das können die mit uns doch nicht machen!“

Erst als sie merkten, daß das Ende tatsächlich nahte, daß Berlin weder imstande noch willens ist, sich zwei Akademien zu leisten, rafften sie sich auf, die Voraussetzungen für ein wenigstens symbolisches Leben nach dem Tode zu schaffen, für eine Fusion mit der West-Akademie. Ihr Präsident Heiner Müller bewog sie spät, aber nicht zu spät, zu einer Reduktionsteilung, bei der ihre 120 Mitglieder selber 51 Kollegen hinauswählten. Damit waren die beiden Hauptgründe beseitigt, die jeden Gedanken an eine Vereinigung mit der West-Akademie bis dahin verboten hatten. Erstens sprach nun nicht mehr schon die schiere Zahl der aufzunehmenden Akademiker dagegen. Zweitens waren jetzt alle von der Akademie selber gewählt und nicht mehr, wie zu DDR-Zeiten, zum Teil nur pro forma gewählt, realiter aber vom Staat eingesetzt. Der Hinderungsgrund Hermann Kant, den die West-Akademie wahrscheinlich nicht akzeptiert hätte, verzichtete von sich aus auf seine Mitgliedschaft (der Drehbuchautor Günther Rücker auch). Man tat sogar ein übriges: Man entließ die 22 Mitglieder, die (meist schon seit vielen Jahren) gleichzeitig Mitglied der West-Akademie sind, aus jedem moralischen Fraktionszwang; und man stimmte einer MfS-Überprüfung zu.

Nur auf einem bestand man noch: Man wollte en bloc hinzugewählt werden. Oft fällt in Ostdeutschland heute das Wort Würde. Daß langjährige Akademiemitglieder sich noch einmal hinten anstellen und einzeln begutachten lassen, schien ihnen entwürdigend. Um diese Restwürde ging es. Bei der ihr von ihrem Statut eigentlich vorgeschriebenen Einzelzuwahl hätte die West-Akademie nur das Übliche getan: ein paar neue Mitglieder aufgenommen. Eine En-bloc-Zuwahl aber läßt sich (mit dem entsprechenden Willen) immerhin so deuten, daß da zwei Institutionen miteinander verschmolzen sind, um eine ganz neue zu bilden.

Und da war sie nun, die Frage: War die offizielle DDR so durch und durch nichtswürdig, daß all ihre Institutionen nur eines verdienen: die Abwicklung? Dieser Meinung kann man mit Gründen sein, sogar guten. Wenn gerade ehemalige Oppositionelle der DDR dagegen protestierten, der Ost-Akademie zu einem wie auch immer reduzierten und symbolischen Fortbestehen zu verhelfen, so hat das ein zusätzliches Gewicht. Es ist die rigorose Haltung, die ja meistens die ansehnlichere ist.

Zwei Drittel der West-Akademiker stimmten schließlich aber doch für die En-bloc-Zuwahl, nach einer zweitägigen Debatte, die Präsident Walter Jens die bewegendste, ernsteste, anstrengendste, fairste nannte, die in diesem Haus je geführt wurde. Sie stimmten damit gegen die rigorose und für die politische Lösung: die, mit denen man nun leben und auskommen muß, zu integrieren. Der Schaden sonst wäre einfach größer gewesen. Vermutlich wären die meisten ihrer ostdeutschen Mitglieder ausgetreten, und inmitten einer mühevoll zusammenwachsenden Szene hätte die West-Akademie als etwas dagestanden, was sie nie sein wollte, etwas Unhaltbares: ein exklusiver West-Club, der vor allem nicht will, daß sich für ihn irgend etwas ändert. Dieter E. Zimmer