Die Vereinten Nationen sind zu einem lebendigen Ort geworden. Wie weit die Zeiten des Kalten Krieges zurückliegen, zeigt das Tempo, das der russische Präsident Jelzin bei der Abrüstung vorlegen möchte: Den Amerikanern verschlug es den Atem.

Der britische Premier John Major hatte zur ersten Gipfelkonferenz des UN-Sicherheitsrates eingeladen. Seine Initiative bewirkte, daß das große Thema unserer Tage, die Demokratisierung, auch die Vereinten Nationen erfaßt hat. Der neue Generalsekretär Butros-Ghali hat es in seiner Begrüßungsrede angesprochen: „Die Demokratisierung auf nationaler Ebene diktiert einen Prozeß auf globaler Ebene.“

Natürlich weiß Butros-Ghali, daß eine „globale Demokratisierung“ die Weltorganisation nicht ausnehmen kann. Prompt hat Japan diesen Ball aufgenommen. Es müsse sorgfältig geprüft werden, sagte Ministerpräsident Miyazawa, ob sich im Sicherheitsrat „die Realitäten der neuen Ära“ noch reflektieren könnten.

Jeder in New York weiß, daß damit nicht nur Verteilung und Anzahl der Sitze im Sicherheitsrat angesprochen sind, sondern auch das als antiquiert empfundene Privileg der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, den Rat mit einem Veto blockieren zu können.

Die Gipfelteilnehmer beauftragten den neuen Generalsekretär, bis zum 1. Juli Vorschläge zu unterbreiten, wie die friedenschaffenden und friedenerhaltenden Instrumente der Vereinten Nationen noch wirksamer werden können.

Frankreichs Präsident Mitterrand gab zu erkennen, daß er eine stehende UN-Streitmacht mit einer wichtigen Rolle des im Kalten Krieg paralysierten Generalstabsausschusses anvisiere. In Washington traf er damit einen empfindlichen Nerv. Amerikanische Soldaten unter dem Kommando der Weltorganisation – das ist für die letzte Großmacht unvorstellbar. U.Sch.