Von Eckhard Nordhofen

Die Wissenschaft von der Kunst kommt uns vor wie die Klugheit von belesenen Greisen. Sie kennen alles, können aber nichts (mehr). Aber Wissenschaft braucht Distanz. Ohne Distanz droht uns das Schicksal von Pygmalion.

Pygmalion wäre der Antipode des Wissenschaftlers, denn Distanzverlust heißt Wahnsinn. Der Wahn bestand darin, daß plötzlich der Stein lebendig war. Pygmalions Augen verliebten sich sterblich in die Statue, die seine eigenen Hände gemacht hatten. Er mußte seine Arbeit, sich selbst, vergessen haben. Er war einem Zauber verfallen, der ihm von dem Bild, seinem Gegenüber, wie anders und neu entgegenschlug. Im Umkehrschluß wäre Aufklärung also die Kultivierung der Distanz und die Abhärtung gegen solche Kicks der Wirklichkeit.

Was raten die Greise? Immer nur so viel Alkohol, daß die Wirkung der Droge unter Kontrolle bleibt. Dem großen Dionysos sollte man nie persönlich über den Weg laufen. Aber kennen sollte man ihn. Wir kennen ihn, weil wir die Silene des Peter Paul Rubens kennen und weil wir Nietzsche gelesen und weil wir Nitsch in der Lübecker Kunstkirche besucht haben.

Von zweierlei Ästhetik muß die Rede sein. Von der kleinen alltäglichen Alkoholisierung, welche Rüdiger Bubner die "Ästhetisierung der Lebenswelt" nennt, und von einer anderen, die man nur die Ästhetik des Anderen nennen kann ...

Soft Music im Fahrstuhl, Händel im Anrufbeantworter, Mozarts Zaubermelodie als Zeitzeichen (SWF). "Seht ihn – wen? Den Bräutigam! Seht ihn – wie? Als wie ein Lamm" aus der Matthäuspassion bringt das Zweite Programm für Musikfreunde als Frühstücksmusik. Design als Kunst – Kunst als Design, so klingen und Glitzern die Verschönerungstechniken des Alltags. Kunstgewerbe, gewerbliche Kunst am Bau eines Lebens, dessen große Fragen nicht mehr zu hören sind. Mit wohldosierten Verzierungen kompensieren wir die Häßlichkeiten und die Schleier des Grauens im zersiedelten Land. Ornamentierung verschleißt und verschleiert große Kunst, ist aber auch die Entschädigung für einen großen Verlust.

So wie in der philosophischen Bewußtseinsindustrie nicht mehr mit Emphase nach dem Subjekt, dem höchsten Punkt der Apperzeption und seiner Wahrheit gefragt wird, sondern nach Mentalitäten, die es billiger gibt und von denen jede im Prinzip gleich viel gilt, so herrscht in der Kunstgeschichte das Prinzip der gleichen Geltung, das Prinzip Gleichgültigkeit.