Jazz und Computerkurse, Termine für Gourmets und Naturschützer – mit viel Amüsement und Aktivität gegen den Pomp

Von Rainer Schauer

Mit hohem unternehmerischem Risiko und großem innovativem Mut wollten vor fünf Jahren die norwegische Fred. Olsen Lines mit ihrem Kreuzfahrtschiff Black Prince für ein jüngeres Publikum ein Zeichen setzen: Weg von der steifen, elitären Kreuzfahrt, hin zum aktiven und zwanglosen Urlaub auf See. Damit kamen die Norweger einer Forderung der eigenen Branche nach, die seit Jahren die Stagnation auf dem Kreuzfahrermarkt beklagt und vergeblich nach neuen Kundenschichten Ausschau hält. Konsequenterweise warfen die Olsen-Reeder die heiligsten Güter deutscher Kreuzfahrer über Bord: das Captain’s Dinner, das Dinnerjacket für den Herrn und das Cocktailkleid für Madame, die Trinkgelderzeremonien, die festen Essenstunden und die als unverrückbar geltende Tischordnung. Dagegen wurden – heidewitzka, Herr Kapitän – an Bord gehievt: Spaß-, Spiel- und Geschicklichkeitsautomaten, Surfbretter, Segeljollen, Taucher- und Schnorchelmasken. Eine aus dem Heck ausklappbare Plattform diente als Basis für alle sportlichen Aktivitäten.

Daß die Rechnung der Reederei nicht aufging, lag daran, daß ihr Schiff falsch vermarktet wurde. Veranstalter und Reisebüros hatten sich mit dem progressiven Angebot nicht an die Zielgruppe der Jüngeren gewandt, für deren Bedürfnisse das ehemalige Fährschiff umgerüstet worden war, sondern wie eh und je an das traditionelle Kreuzfahrer-Stammpublikum, das heute noch immer vor allem aus Senioren besteht. Sie wandten sich enttäuscht von der Black Prince ab – die älteren Kunden lieben nun mal die Seereise konventionellen Zuschnitts.

Das nordische Konzept, luftig-leicht wie eine Seebrise und preiswert dazu, war damals fast schon revolutionär. Jetzt ist es in abgewandelter Form zum Allgemeingut im nationalen und internationalen Kreuzfahrergeschäft geworden.

Aber an zusätzlicher Attraktion hat der deutsche Kreuzfahrermarkt kaum gewonnen. Er bleibt das Stiefkind der nationalen Tourismusindustrie. Von den über dreißig Millionen Deutschen aus den alten Bundesländern, die pro Jahr im eigenen Land oder im Ausland ihren Urlaub verbringen, buchen gerade rund 184 000 (1990) Kreuzfahrten von mindestens sieben Tagen Dauer im Gesamtwert von fast 800 Millionen Mark.

Warum geht es vorwärts, aber nicht aufwärts, wo doch der Starnberger Studienkreis für Tourismus ein Kreuzfahrerpotential von circa drei Millionen Deutschen ermittelt hat? Sie hätten Traumziele vor Augen, denn zwischen Arktis und Antarktis, Hawaii und den Falklandinseln gibt es kaum eine Küste, eine Insel oder einen Hafen, der von den schlanken weißen Schiffen nicht angelaufen würde. Wo Linien- oder Chartermaschinen der Fluggesellschaften nie landen, wo Busse oder Landrover nie hinkommen werden, dort findet sich immer noch ein Ankerplatz für ein Kreuzfahrerschiff. Der Seefahrer kann wählen zwischen spartanischen Frachterkojen oder Komfortkabinen schwimmender De-Luxe-Hotels, zwischen schnittigen Segelyachten, Fluß- oder Yachtkreuzern, er kann zusammen mit 3000 Passagieren oder mit gerade 60 Gästen reisen.