Dias’ Triumph und Untergang am Kap der Guten Hoffnung

Von Holger Afflerbach

Als Christoph Kolumbus im Jahre 1483 König Johann II. von Portugal zum erstenmal das Projekt einer Westfahrt nach Indien unterbreitete, erschien es dem Herrscher „eher überspannt und phantasievoll als präzise“. Auch einer von ihm zur Prüfung eingesetzten wissenschaftlichen Kommission kam die Sache wenig seriös vor. Die portugiesischen Fachleute bezweifelten nicht, daß Ostasien auf dem Westwege über See theoretisch zu erreichen war; sie hielten aber die Entfernung für unüberwindbar. Sie wußten, daß Kolumbus unzweideutig den Erdumfang um ein Viertel unterschätzte. Daß zwischen Asien und Europa noch ein weiterer Kontinent liegen könne, ahnte die Kommission ebensowenig wie Kolumbus, für den sich später gerade dieser Irrtum auszahlen sollte.

Für ihn lag Asien dort, wo sich tatsächlich die amerikanische Küste befand. Den nüchternen Portugiesen erschien Kolumbus wie ein Phantast, als ein „redseliger Mann“, der sich an den Erzählungen Marco Polos über den legendären Reichtum Ostasiens berauscht hatte und dogmatisch an seinen geographischen Irrtümern festhielt, ansonsten aber nicht viel bieten konnte.

Seit Heinrich der Seefahrer im Jahre 1415 die ersten Schiffe Richtung Süden in den Atlantik entsandt hatte, waren Generationen portugiesischer Seefahrer die afrikanische Küste hinuntergefahren und hatten ihre Geheimnisse Stück für Stück in Dutzenden von Expeditionen erforscht. Inzwischen waren sie bis zum heutigen Namibia vorgestoßen. Das große Ziel – Indien mit seinem legendären Reichtum an Gold und Gewürzen – hatte allerdings noch kein Portugiese auf dem Seewege um Afrika herum erreichen können.

Auf den zeitgenössischen auf den antiken Geographen Ptolemaios zurückgehenden Weltkarten war der Indische Ozean als Binnenmeer eingezeichnet – eine Landverbindung zwischen Ostasien und der Südspitze Afrikas machte eine Seeverbindung nach Asien um Afrika herum unmöglich. Auf anderen, ebenfalls hypothetischen Landkarten war zwar ein afrikanisches Südkap eingezeichnet – doch woher wollten die Kartographen das wissen? Sichere Nachrichten gab es keine, und ob die von Herodot und Strabo überlieferte Afrikaumquerung durch phönizische Seeleute authentischer war als die Nachrichten des Ptolemaios, konnte ebenfalls niemand wissen. Die afrikanische Küste hätte auch bis in die Antarktis hineinreichen, die Durchfahrt in den Indischen Ozean nicht vorhanden oder fast unpassierbar sein können wie die „Nordwestpassage“ zwischen Atlantik und Pazifik, nach der später noch jahrhundertelang unter großen Opfern gesucht werden sollte.

Das Rätsel der Südverbindung zwischen Atlantischem und Indischem Ozean konnte nur durch eine weitere See-Expedition aufgeklärt werden. Diese sollte gleichzeitig einer Frage auf den Grund gehen, die zu jener Zeit die Phantasie der Abendländer stark beschäftigte: die Suche nach dem legendären Priesterkönig Johannes, einem christlichen Herrscher, der angeblich über ein großes und mächtiges Reich gebot. Diese Chimäre, der die Portugiesen mit derselben Hartnäckigkeit anhingen wie Kolumbus dem Traum vom goldreichen Cipangu (Japan), wurde zunächst in Asien, jetzt aber eher in Afrika gesucht und später dann mit dem äthiopischen Kaiserreich gleichgesetzt. Johann II. versprach sich von dem Priesterkönig einen starken Verbündeten gegen die Araber.