Von Anne McElvoy

BERLIN. – Der neueste Schlager in der kroatischen Hitparade erzählt von einem überströmenden Herzen, von einem Traum, der in Erfüllung gegangen ist, und von einem ewigen Bund. Die Augen der Sängerin schimmern vor Rührung. Der Refrain lautet: „Danke Deutschland“. Das Lied ist eine etwas peinliche, aber trotzdem genaue Darstellung des neuen Verhältnisses zwischen Deutschland und Kroatien im Kielwasser der von Bonn unterstützten Anerkennung. Und es zeugt von der blinden Intensität einer frischen, etwas überheizten Liebesaffäre.

– Die Kroaten, die mutig und unter großen Verlusten für ihre Unabhängigkeit von Belgrad gekämpft haben, zögern offenbar nicht, sich in einen neuen Gehorsam Deutschland gegenüber zu begeben. Die Erwartungen an den neuen Schutzherrn sind unverblümt und hochgesteckt: Deutschland soll großzügig und schnell den Wiederaufbau des zerstörten Landes übernehmen.

Kroaten und Deutsche ähneln sich zur Zeit in der Neigung, sich gegenseitig durch eine rosarote Brille zu betrachten. Bonn sieht über die undemokratischen Züge des kroatischen Systems – besonders was die Situation der serbischen Minderheit und die Bosnien-Problematik betrifft – hinweg. Zagreb betrachtet Bonn als einen Verbündeten, der die kroatische Karre aus dem Kriegsdreck und das Land aus dem Hinterland ins Herz Europas ziehen wird. Dabei bleibt geflissentlich unberücksichtigt, daß Deutschland seine Vereinigung zu finanzieren hat, ganz zu schweigen von den massiven Verpflichtungen der ehemaligen Sowjetunion gegenüber.

Die unrealistischen Erwartungen der Kroaten können nach ihrer Geschichte der Unterdrückung und den bitteren Kämpfen der vergangenen Monate niemanden überraschen. Wohl aber erstaunt das Verhalten der Deutschen, die in der letzten Zeit eine ungewöhnliche Unempfindsamkeit an den Tag gelegt haben.

Trotz der kilometerlangen Reihe von Kolumnen, die dem kroatischen Drama in deutschen Zeitungen gewidmet waren, wurde das letzte deutsch-kroatische Jointventure, der Quisling Ustascha-Staat von 1941 bis 1945, geflissentlich ignoriert. Selbst der Sonderbotschafter des Auswärtigen Amtes, der die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Zagreb vollzog, fand kein Wort zu diesem Thema und sprach lediglich von einem „Anknüpfen an bereits vorhandene Traditionen und Kontakte“.

Ich meine nicht, daß Bonn sich permanent für die Verbrechen der Nazizeit entschuldigen müßte. Die unheilvollen Geister des Zweiten Weltkrieges, die auch jetzt noch Unruhe auf dem Balkan stiften, völlig unerwähnt zu lassen erscheint mir jedoch etwas unangebracht. Die Vergangenheitsbewältigung in Kroatien kommt schleppend voran, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Tudjman-Regierung in der geistigen Auseinandersetzung mit der Ustascha-Zeit sehr zurückhält. Die Deutschen, die in bezug auf die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit eine sehr gute Bilanz aufweisen können, sollten ihrem Protegé Kroatien den Gefallen tun, ihn zu einer schonungslosen Überprüfung der Ustascha-Periode anzuspornen.