Von Joachim Fritz-Vannahme

Der Algerienkrieg dauerte für die Franzosen doppelt so lange wie der Zweite Weltkrieg. Sechsmal stürzten Pariser Regierungen über diesen Konflikt, einmal wechselte darüber die Republik. Über zwei Millionen junger Franzosen kämpften in den Straßen von Algier und den Schluchten des Aures für L’Algerie française. Die Amerikaner errichteten ihren Gefallenen des Vietnamkrieges mitten in Washington ein eindrucksvolles Memorial, machten einigen ihrer Kriegsverbrecher den Prozeß und kommen bis heute von der Erinnerung an den Dschungelkrieg nicht los. In Frankreich erinnert kein Denkmal an diese "Ereignisse" und "Unruhen", zu denen der offizielle Sprachgebrauch den Algerienkrieg anfangs herunterspielte, und vor Gericht kamen allein jene Offiziere, die gegen die eigene Regierung gemeutert hatten. Dies war für die Franzosen ein Krieg ohne Helden und ohne Legende für die Nachwelt.

Das führt häufig zum Trugschluß, diese acht blutigen Jahre seien verdrängt und verheimlicht, mit Amnesie und Amnestie aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt worden. Der Fall liegt komplizierter. Der französische Historiker Benjamin Stora analysierte ihn jüngst in einer Fernsehdokumentation, die vor allem in Algerien für Diskussion sorgte, und jetzt in seinem Buch "La Gangrene et l’Oubli" ("Der Wundbrand und das Vergessen"). Der Titel deutet Storas Diagnose bereits an: Alles Vergessen konnte die Wunde Algerienkrieg niemals schließen. Und auf der anderen Seite des Mittelmeers führte das entgegengesetzte Verhalten zum selben Ergebnis: Algerien pflegt eine Heldenlegende, die von allen Parteien unentwegt bemüht wird und vergessen macht, daß dieser Krieg nicht nur zwischen Franzosen und Algeriern, sondern auch unter Algeriern und unter Franzosen geführt wurde.

Das Vergessen wie das Gedenken haben Folgen: In Frankreich kehrt mit dem rechtsextremen Jean-Marie Le Pen ein Kolonialvokabular zurück, das seine Reizwörter und Feindbilder jener Epoche entlehnt. Rassismus in Frankreich richtet sich fast immer gegen den maghrebin, den Nordafrikaner, den Algerier. "Der Algerienkrieg geht heute im Kampf gegen den Islam weiter", schreibt Stora. Und in Algerien teilen die Islamisten mit der alten Einheitspartei "Front de la liberation nationale" einen autoritären, fremdenfeindlichen Nationalismus, der jeden demokratischen Konkurrenten sofort als "Partei des Auslandes" denunziert. Die Extreme berühren sich: Le Pen und die radikalen Imame verteidigen beide eine "reine" Heimat, deren schlimmster Feind genau der von einst ist – der Französling für die algerischen Islamisten, der Maghrebiner für die Anhänger Le Pens. So viel Gegenwart hat diese Vergangenheit.

Bis zum Abkommen von Evian 1962, das Algerien die Unabhängigkeit brachte, suchte Frankreich diesen Krieg zu verleugnen – vergeblich. Der Journalist Henri Alleg wurde von französischen Militärs gefoltert: Sein Bericht darüber wurde 1958 ein Bestseller. Sein Kollege Claude Bourdet, ein großer Mann der Résistance, sprach in seinen Artikeln schon 1955 von "unserer Gestapo in Algerien". Als im Oktober 1961 Hunderte von Algeriern mitten in Paris von der Polizei zu Tode geknüppelt und in die Seine geworfen wurden, machte das Pogrom anderntags Schlagzeilen. Nichts von den Grausamkeiten dieses Krieges mußte den Franzosen erst nachträglich bekannt gemacht werden.

Doch nach Kriegsende 1962 wollten die Franzosen nur eines – vergessen. Der Gaullismus, durch diesen Krieg wieder an der Macht, beschwor in Sonntagsreden und Museumsgründungen den Zweiten Weltkrieg und den Widerstand – für de Gaulle war dies "das beste Mittel, die Ursprünge der Fünften Republik zu verbergen" (Stora). Die jüngere Generation, unter ihr viele, die in Algerien ihren Wehrdienst geleistet hatten, vergaß den Krieg bald im Wirbel des Mai 1968. De Gaulle nutzte übrigens diese lärmige Zeit, um leise die französischen Putschoffiziere aus dem Gefängnis zu entlassen. Und doch machten über tausend Bücher zwischen 1968 und 1981 diesen Krieg zum Thema. Meist waren dies persönliche Erinnerungen und Rechtfertigungen. "Sie entstehen aus der Neurose, heilen sie nicht etwa, sondern fixieren sie nur", schreibt Stora. Für ihn wird in diesen Publikationen nicht Verdrängtes aufgearbeitet, sondern nur wiederholt.

Als Ausweg bietet sich darum nicht ein weiteres Geschichtsbuch an, sondern die kritische Geschichte dieses mißlungenen Vergessens. Benjamin Stora liefert sie. Der Erfolg seines Buches und seines Fernsehfilms zeigen, daß dreißig Jahre nach den Verträgen von Evian Nachholbedarf besteht. Dabei geht es weniger um die Schuld von einst als um die Gefahr für heute: Denn Le Pen und die radikalen Imame sind die Kinder einer unbewältigten Zeit.