Nach zweihundert Jahren fällt der Mythos von der Überlegenheit

Von Marcel Blanc

Mit der grundlegenden Systematik des schwedischen Naturforschers Carl von Linné über die Arten, 1766, gehören die Menschen zu den Naturforschers Seitdem sind die Wissenschaftler nicht müde geworden, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Rassen einzuteilen und hierarchisch zu ordnen. Und nach welchem Kriterium auch immer sie vorgingen, sie kamen stets zum gleichen Ergebnis: Die „Weißen“ standen an der Spitze der Farbskala, die „Gelben“ in der Mitte und die „Schwarzen“ ganz unten. Das schien logisch: Waren die abendländischen Völker nicht Herrscher über die ganze Welt?

Zwei entgegengesetzte Interpretationen der Schöpfungsgeschichte, eine so vermessen wie die andere, aber spalteten die rassentheoretischen Lager. Für Monogenetiker war klar: Gott hatte Adam und Eva als Weiße erschaffen. Erst im Laufe der Zeit wurden einige ihrer Nachfahren immer dunkler; die Polygenetiker dagegen glaubten, die Rasse der „Weißen“, der „Gelben“ und der „Schwarzen“ sei jeweils getrennt erschaffen worden, wobei jede Gruppe besondere körperliche und geistige Merkmale ausgestaltet habe. Danach war die weiße Rasse zu intellektueller, die schwarze zu körperlicher Arbeit befähigt. Eine Theorie, die im 19. Jahrhundert vor allem in den Vereinigten Staaten von Wissenschaftlern wie Louis Agassiz und Samuel Morton vertreten wurde und als Rechtfertigung für die Sklaverei diente.

Charles Darwin hat seine Wertschätzung der weißen Rasse nicht verleugnet. Seine Thesen von der natürlichen Selektion, am 1. Juli 1858 vorgetragen vor der Linne-Gesellschaft in London, sollten bald die evolutionstheoretische Begründung für die Entwicklung der menschlichen Rassen liefern. Eine Art unfaßt immer mehrere, in ihren Merkmalen verschiedene Rassen. Und da die Evolution der Arten dadurch erfolgte, daß bestimmte Anlagen sich durch das Ausleseprinzip zur Perfektion entwickelten, gab es zwangsläufig stets Rassen, die intelligenter als andere waren. So glaubte Darwin, daß die „Schwarzen“ Afrikas und Ozeaniens in ihren mentalen Fähigkeiten ihrer Ursprungsart, dem Schimpansen, entwicklungsgeschichtlich am nächsten standen.

Das ganze 19. Jahrhundert hindurch meinten die Wissenschaftler, die Hierarchie der Rassen anhand eines objektiven Merkmals belegen zu können: des Volumens der Schädelkapsel. Der amerikanische Anthropologe Samuel Morton hatte eine Sammlung von mehr als tausend Schädeln unterschiedlicher geographischer Herkunft angelegt und „bewiesen“, daß das mittlere Volumen bei den „Weißen“ 1426, bei den „Gelben“ 1360 und bei den „Schwarzen“ 1278 Kubikzentimeter betrage. Auch der Franzose Paul Broca, Gründer der „Anthropologischen Gesellschaft“, wollte mit Methoden der Schädelvermessung die unterschiedlichen intellektuellen Fähigkeiten zwischen den Rassen beweisen. Mortons Messungen wurden genauso widerlegt wie Brocas Schlußfolgerungen: Weder Rassenzugehörigkeit noch Intelligenz haben etwas mit dem Schädelvolumen zu tun. So wies der renommierte amerikanische Biologe Stephen Jay Gould bei einer späten Durchsicht der Arbeiten von Morton und Broca nach, daß sie mehr oder weniger unbewußt ihre Daten manipuliert hatten, um zu dem Resultat zu kommen, das ihr Vorurteil bestätigte.

Ein deutscher Schüler Darwins, Ernst Haeckel, lieferte Ende des 19. Jahrhunderts neue Argumente für die Idee einer Rassenhierarchie: Alle Etappen der Artenevolution würden sich in der vorgeburtlichen Phase wiederholen. Nach diesem Prinzip der Rekapitulation schreite die Evolution voran. Weitere wichtige Entwicklungsstadien würden dann in den ersten Lebensabschnitten durchschritten. Haeckel behauptete, daß diese Evolutionsmuster nicht nur für jede Spezies zutreffe, sondern auch für die menschlichen Rassen. So war für ihn die schwarze Rasse augenscheinlich weniger entwickelt als die weiße, weil sie angeblich in einem Stadium stehengeblieben war, das die „Weißen“ nur vorübergehend während ihrer Kindheit durchlaufen würden. Unzählige Arbeiten sollten beweisen, daß die „Schwarzen“ körperlich und geistig mit den Kindern der „Weißen“ gleichzusetzen seien.