Von Volker Ullrich

Am 20. Juni 1941, zwei Tage vor Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, erschien im Verlag Alfred A. Knopf in New York das "Berliner Tagebuch" von William L. Shirer, einem der bekanntesten amerikanischen Auslandskorrespondenten im Europa der dreißiger Jahre. Das Buch, das sehr präzise Innenansichten aus Nazi-Deutschland vermittelte, wurde rasch ein Weltbestseller. Zwischen 1942 und 1950 wurde es in achtzehn Sprachen übersetzt, nur nicht ins Deutsche. Jetzt endlich, nach über fünfzig Jahren, hat der Kiepenheuer Verlag in Leipzig dieses wichtige Zeugnis eines liberalen amerikanischen Journalisten dem deutschen Publikum zugänglich gemacht.

Bereits 1925, mit 21 Jahren, war Shirer als Korrespondent der Chicago Tribune nach Paris gekommen. Im Sommer 1934 ging er nach Berlin, wo er für die Nachrichtenagentur Universal News Service arbeitete. Als die Firma 1937 Pleite machte, wechselte Shirer vom schreibenden Gewerbe zum damals noch jungen Medium des Rundfunks. Für CBS New York berichtete er in regelmäßigen Live-Sendungen aus Berlin und anderen europäischen Metropolen. So bietet dieses Buch – neben der Reflexion der politischen Ereignisse – auch Einblicke in das schwierige Geschäft der Rundfunk-Auslandskorrespondenten, ihre Probleme mit der noch unausgereiften Technik, aber auch – weitaus schlimmer – ihre täglichen Kämpfe mit der Nazi-Zensur, die eine halbwegs korrekte Berichterstattung zusehends unmöglich machte. Entnervt kehrte Shirer Anfang Dezember 1940 Berlin den Rücken.

Vieles von dem, was Shirer vor den zensierten Mikrophonen nicht aussprechen durfte, vertraute er seinem Tagebuch an. Schon die ersten Eindrücke bei seiner Ankunft auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin am 25. August 1934 sind niederschmetternd: Zwei Gestapo-Beamte nehmen ihn fest, als er den Zug verläßt, verhören ihn. Berlin, die Kapitale, ist nicht wiederzuerkennen – nichts mehr vom mondänen Charme der zwanziger Jahre, statt dessen ständige Aufmärsche der SA-Kohorten, die blöden Heil-Hitler-Rufe, das stumpfsinnige Zusammenschlagen der Hacken.

Was war mit dem Land der Dichter und Denker passiert? Wie hatte es zu diesem beispiellosen Absturz in die Barbarei kommen können? Diese Fragen stellt sich Shirer immer wieder. Im September 1934 nimmt er am Nürnberger Parteitag teil, erlebt das Verzückungsritual der NS-Massenveranstaltungen, sieht Frauen, die beim Anblick des geliebten "Führers" in Ekstase geraten: "Sie blickten auf zu ihm, als ob er der Messias wäre, ihre Gesichter verwandelten sich auf kaum noch menschliche Weise."

Shirer ist die phänomenale Wirkung Hitlers zunächst unbegreiflich, denn als er ihn zum erstenmal sieht, macht er auf ihn einen linkischen Eindruck. "Ich konnte bei meinem Leben nicht verstehen, welche verborgenen Kräfte er unzweifelhaft in der hysterischen Menge weckte, die ihn so frenetisch begrüßte." Doch dann erlebt er Hitler immer wieder als Redner unter freiem Himmel oder im Reichstag und kann sich, trotz allen Widerwillens, der Faszination, die von ihm ausgeht, kaum erwehren. "Der Mann ist wirklich ein süperber Redner", lesen wir, oder: "Hitler war heute wieder ein großartiger Schauspieler." Am Ende seines Tagebuchs wird er zur Feststellung gelangen, daß man Hitler – diesen "ebenso bemerkenswerten wie schrecklichen Mann" – auch im Ausland lange Zeit "gröblich unterschätzt" habe.

Tiefer als die meisten anderen ausländischen Beobachter ist Shirer eingedrungen in die Massenpsychologie des Faschismus, erkannte er die geheimen Korrespondenzen zwischen der Nazi-Bewegung und den Sehnsüchten der deutschen Spießbürger. Mit Erstaunen registriert er zum Beispiel, welchen "inneren Akkord" der Stechschritt – der ihm immer als "Ausdruck des menschlichen Wesens in seiner würdelosesten und dümmsten Form" erschienen ist – "in der seltsamen Seele des deutschen Volkes zum Erklingen bringt". Und mit Verwunderung notiert er, wie dieselben Menschen, die im Tiergarten liebevoll Eichhörnchen füttern und sich mit kindlicher Freude auf Weihnachtsbäume stürzen, einen "starren Blick" bekommen, wenn sie auf das den Juden zugefügte Unrecht oder – im Kriege – auf die Leiden der unterjochten Völker angesprochen werden. Tierliebe und Menschenverachtung, Gefühlskitsch und Herzenskälte – diese Legierung war in der Tat der Kitt, der die kriminelle Vereinigung, genannt "Drittes Reich", zusammenhielt.