Von der Existenz der Theresienschule wurde im SED-Staat nur getuschelt

Von Sabine Rückert

Es fehlte nicht mehr viel, und Annaliese Kirchberg hätte sich damit abgefunden, eine lächerliche Figur zu sein. Eine, die immer noch nicht gemerkt hatte, was los war, und die sich die Nase an den Mauern des Unabänderlichen blutig rannte.

Dreizehn Jahre war sie Lehrerin für Englisch und Deutsch an einer staatlichen Oberschule der DDR im Stadtteil Hohenschönhausen im ehemaligen Ost-Berlin. Und heute wundert sie sich, wie lange sie es dort ausgehalten hat. Alle Kollegen im Lehrerzimmer wußten, was mit der Kirchberg los war, und wie um zu beweisen, daß man sie noch nicht aufgegeben hatte, ließen die Direktorin oder der Parteisekretär sie oft rufen, um sich mit ihr über „ihr Problem“ zu unterhalten. Selbst in den schriftlichen Beurteilungen stand fast mitleidig geschrieben, daß Frau Kirchberg eine hervorragende Lehrerin sei, wenn sie nur dieses „Handicap“ nicht hätte. „Ich wurde behandelt, als sei ich behindert“, sagt Annaliese Kirchberg, „aber ich bin katholisch.“

Eine bekennende christliche Lehrerin an einer staatlichen Schule der DDR, und noch dazu an einer, die so akkurat auf Parteilinie gedrillt und so engmaschig mit Lakaien der Staatssicherheit durchwebt war, tat gut daran „sich stille zu verhalten und Schikanen unauffällig auszuweichen“. Auch heute noch schiebt Annaliese Kirchberg die Worte im Kopf hin und her, dreht und wendet sie Begriffe, bevor sie sie entläßt, wie jemand, der damit rechnet, daß gegen ihn verwendet werden kann, was er eben gesagt hat.

Jetzt ist es schon drei Jahre her, seit Annaliese Kirchberg den Brief vom Weihbischof von Berlin erhielt, in dem er sie bat, Direktorin der Theresien-Oberschule zu werden. Und zuerst dachte sie sich: „Wenn du dahin gehst, kneifst du, läßt deine Schüler im Stich.“ Aber dann ist sie doch gegangen in die kleine, geheime Kirchenenklave am „Prenzelberg“, von deren Existenz nur in den Kreisen der eingeschworenen Christengemeinden getuschelt wurde, wo die Klassen vor dem Unterricht morgens noch sangen und beteten, ohne daß Disziplinarverfahren die Folge waren. Sie ging mit wehenden Fahnen, weil sie „wieder Luft zum Atmen“ brauchte und weil es beim, von einem Bauernhof stammenden, Vater immer hieß: „Anneli, gegen einen Fuder Mist kannst du alleine nicht anstinken.“

Die katholische Theresienschule am Prenzlauer Berg, im Herzen Berlins, war bis zur Wiedervereinigung 1990 die einzige kirchliche Oberschule der DDR und Ost-Berlins, die der SED-Staat anerkannte und deren Abitur zum Studium an staatlichen Hochschulen berechtigte. Eine fast hundert Jahre alte Mädchenschule, deren Kontinuität der christlichen Unterweisung nur im Dritten Reich während der Kriegsjahre unterbrochen war, und die, 1945 wiedereröffnet, allen Angriffen des sozialistischen Bildungsministeriums standhielt.