Von Hans Harald Bräutigam

In tiefen Höhlen liegen die Augen im aufgedunsenen, bläulich verfärbten Gesicht. Die Finger sind steif verkrümmt, wie Krallen. Das ist Lepra, jene wegen ihrer verheerenden Entstellungen seit Menschengedenken stigmatisierte Seuche. In elenden Hütten weit vor den Toren mittelalterlicher Städte warteten in Leprosorien, einer Art von Asylen, nach jahrelangem Leiden die Kranken auf den Tod. Mit Leprarasseln mußten sie sich bemerkbar machen, wenn sie ihre Behausung zum Betteln verließen. Die Gesunden sollten rechtzeitig einen großen Bogen um die Aussätzigen machen. Denn, das wurde auch schon im Mittelalter vermutet: Die Lepra ist ansteckend.

Den Beweis hat 1873 der norwegische Arzt Armauer Hansen geliefert. Er hat den Erreger im Gewebe von Leprakranken entdeckt. Das Mykobakterium leprae (M. leprae) hat Ähnlichkeit mit Tuberkelbakterien. Es sind säurefeste Stäbchenbakterien, denn ihre Kapsel aus Zucker und Fett (Glykolipiden) ist für bestimmte saure Farbstoffe, mit denen die Bakterien angefärbt werden, nicht durchlässig. Die Verwandtschaft zwischen Lepra und Tuberkulose beschränkt sich nicht auf den Erreger. Auch der Verlauf der beiden Infektionskrankheiten ist ähnlich: chronisch-langdauernd.

Aus Europa hat sich der Aussatz bis auf kleine Bezirke im Mittelmeerraum zurückgezogen. Jetzt leiden in Indien, in Afrika, im pazifischen Raum und in einigen Regionen Lateinamerikas immer noch über zwölf Millionen an diesem biblischen Leiden, von dem schon der Evangelist mit der wundersamen Heilung des armen Lazarus durch den Messias im Neuen Testament berichtet hat.

Eine erfolgversprechende chemotherapeutische Behandlung der Lepra gibt es trotz der frühen Entdeckung des Erregers erst seit knapp vierzig Jahren. Die Anwendung eines gegen Tuberkulose entwickelten Sulfons (Dapson) hat die im Jahre 1854 eingeführte äußerliche Anwendung von Chaulmoograöl verdrängt.

Eine erster Erfolg der von Enno Freerksen, dem früheren Leiter des Forschungsinstituts für Experimentelle Medizin und Biologie in Borstel, entwickelten Kombinationstherapie der Lepra stellte sich 1972 bei Versuchen in Malta ein. Die Ergebnisse waren so günstig, daß die Weltgesundheitsorganisation (WHO) später ebenfalls die Multiple Drug Therapy (MDT) als Mittel der Wahl auch für die großen Lepraregionen einsetzte.

Allerdings haben die Seuchenexperten der WHO in Genf später die Zusammensetzung der MDT durch das Hinzufügen eines weiteren Wirkstoffes, nämlich Clofaziminen, verändert. Das hat der schon fast vergessenen Stigmatisierung der Leprakranken erneut Vorschub geleistet, denn Clofazimine färben die Haut der Kranken rötlich. Der compliance, der regelmäßigen und zeitlich genauen Einnahme der Medikamente, hat das geschadet.