Als sich an einem graufeuchten Novembertag vor einigen Wochen die Großstadt Hamburg auf dem Trockenen sitzend wiederfand, schrieb die Boulevardpresse alarmiert: „Wie im Krieg“. Mitten im Überfluß schuf ein geplatztes Wasserrohr anarchische Zustände, und Zehntausende fanden Gelegenheit, sich im Provisorium zu üben: Bäcker konnten keine Brötchen backen, Ärzte nicht operieren, Zahnärzte ließen den Bohrer sinken, Fensterputzer machten blau; die Gastronomie vertröstete mit abgefülltem Mineralwasser, kurz: Keine Hand wusch mehr die andere.

Eine Gelegenheit, den Urmythos vom lebensspendenden Wasser konkret zu überprüfen. Archetypische Erfahrungen klingen an; im warmen Fruchtwasser der Amnionhöhle die Zeit reifen zu lassen ist ein prägender Traum vom Glück. Und immer wieder lassen wir uns auf Kopien dieses Zustandes ein, in der melancholischen Ahnung, daß es nur ein Abglanz des Gehabten ist.

Die Entwicklung hin zu den fensterlosen, zweckorientierten „Naßzellen“ ignoriert demnach die elementarsten Ansprüche. In seinem „Ratgeber zur Wohnungsfrage“ empfahl schon Le Corbusier dem „Menschen von morgen“: „Fordert ein Badezimmer auf der Sonnenseite, es sollte einer der größten Räume der Wohnung sein, so wie früher der Salon zum Beispiel: wenn möglich mit einer Wand, die nur aus Fenstern besteht...“

„Das Bad“, eine kulturgeschichtliche Abhandlung, ist nicht etwa ein Stil- oder Einrichtungsberater für Erlebnisräume, sondern ein solide angelegter Schwimmkurs durch alle psychoanalytischen, technischen, medizinhistorischen und balneologischen Nebenflüsse des Themas. Den drei Herausgebern gelingt es, ihr Wissen ohne akademische Überheblichkeit auszubreiten und Sumpfblüten des Abwegigen nach Möglichkeit zu meiden.

Überraschend, welche Perspektiven sich öffnen: Von den großbürgerlichen Kurbädern in Frankreich und Böhmen zur Gesundheitspolitik im sozialdemokratischen Wien; von der Stadtkanalisation (Seuchenprophylaxe) im 19. Jahrhundert zum Schwimmbad der sechziger Jahre, dem erotisch aufgeladenen Wohlstandssymbol. Mythologische und kunstgeschichtliche Zusammenhänge („Susanna im Bade“) werden ebenso erörtert wie die Ideologie der Reinheit („Von der Sauberkeit zum Rassenwahn“). Und selbstverständlich schwingt auch immer die andere Bedeutung des Wassers mit – als dunkel lockendes, verschlingendes, hinfortreißendes Element.

Zu kurz kommt in der Darstellung die Gegenwart; gerade sie bietet reiches Anschauungsmaterial für hedonistische Strömungen der Körperhygiene. Ein kühler Blick auf die Werbung für Pflegeprodukte oder die überall entstandenen „Erlebnisthermen“ als die augenfälligsten Beispiele dafür wäre reizvoll gewesen.

Ein Bildband nicht für den sprichwörtlichen coffee table, sondern im Bad liegend zu lesen (wäre er nur nicht so schwer...). Das Wasser sollte nicht zu heiß und leicht parfümiert sein: „Süßmandelöl und Benzoetinktur, sagte Mister Bloom, und dann Orangenblütenwasser Ihre Haut wurde ja wirklich so delikat weiß davon wie Wachs.“ (James Joyce, „Ulysses“).