Wenn es so etwas gab wie einen Kirchenvater der Protestanten in der DDR, so war dies gewiß Albrecht Schönherr. Bischof Schönherr amtierte von 1969, dem Jahr der Gründung, bis 1981 als Vorsitzender des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR. Aber nicht nur organisatorisch, sondern auch geistig wie geistlich hat er diesen Zusammenschluß der protestantischen Landeskirchen in Ostdeutschland entscheidend geprägt. Letztlich wird ihm das Urheberrecht an der Formel „Kirche im Sozialismus“ zugeschrieben, die freilich unter seiner Anleitung aus mehreren gedanklichen Elementen legiert wurde: „Kirche nicht für den Sozialismus, Kirche nicht neben dem Sozialismus, sondern Kirche im Sozialismus.“ Die wenigstens hypothetische Möglichkeit einer „Kirche gegen den Sozialismus“ taucht nicht einmal in der Form der Verneinung auf. Ein intellektuelles Opfer oder ein Akt der Überzeugung?

Der große Respekt vor Albrecht Schönherr war bei nicht wenigen im Osten wie im Westen vermischt mit einem leisen, oft unausgesprochenen Vorbehalt. In den sechziger Jahren wurde Schönherr dem „Weißenseer Kreis“ zugerechnet, einer Gruppe ostdeutscher Kirchenleute, die sich ihre eigenen Gedanken machten über die Lage der ostdeutschen Kirche. Dies führte dazu, daß ein westdeutscher biographischer Dienst ihn damals gar als „scharf links“ bezeichnete.

Schwerer als diese stille Reserve wiegt allerdings das offen bezeugte Vertrauen von Persönlichkeiten, die über jeden Zweifel erhaben waren. Bischof Otto Dibelius, der sich in seinen scharfen Abgrenzungen gegen die Kommunisten schwerlich überbieten ließ, berief den 1911 geborenen Schönherr zum Leiter des brandenburgischen Predigerseminars und ernannte ihn zum Domdechanten am Dom zu Brandenburg. Bischof Kurt Scharf, der sich bis zuletzt gegen die Teilung sowohl seiner Landeskirche von Berlin-Brandenburg als auch der Evangelischen Kirche in Deutschland gewehrt hatte, mußte als Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der EKD zusehen, wie Schönherr unter dem Druck der Verhältnisse den östlichen Teil seiner beiden Ämter übernahm: Schönherr wurde Bischof im ostdeutschen Teil der Landeskirche und eben erster Vorsitzender des DDR-Kirchenbundes. Doch das kränkte Scharf nicht in seiner Zuneigung zu Schönherr.

Stärker als die aktuellen Spannungen waren gewiß die gemeinsamen Erfahrungen aus dem Kirchenkampf im Dritten Reich. Einem Albrecht Schönherr, einem Schüler Dietrich Bonhoeffers brauchte niemand zu erzählen, was das bedeutet: Kirche unter einer Diktatur. Doch während der Westen sich besonders des Märtyrers Bonhoeffer erinnerte, nahm Schönherr vor allem den Theologen Bonhoeffer ernst: Kirche für andere, Kirche im Diesseits zu sein – das erlaubt eben kein Leben „neben“ der Gesellschaft, auch nicht neben der sozialistischen Gesellschaft. R.L.