Gemeinhin mag die Arbeit eines Pfarrers als nicht rationalisierbar gelten. Doch brauchen wir nur das, was früher Seelsorge hieß, als „konzeptionelles Planen und Handeln aller kommunikativen und organisatorischen Prozesse einer Kirchengemeinde“ zu sehen. Schon liegt die Notwendigkeit, dafür einen Computer anzuschaffen, auf der Hand.

Ein Programm namens „Social Marketing“ – dessen Werbeblatt die obige Definition entstammt – ist also ebenso unentbehrlich wie die Diskettensammlung von 225 Musterbriefen „für jeden kirchlichen Anlaß“, alles erfunden von einem evangelischen Pfarrer, der, im Direct-Marketing-Geschäft tätig, seinen Kollegen versichert: „Wir sind sehr naiv, den Schatz unseres Datenmaterials nicht zu verwenden.“ Die Daten der Gemeindemitglieder müssen nur regelmäßig per Telephon aus dem kirchlichen Rechenzentrum in den Pfarramtscomputer übertragen werden, wie es heute schon mancherorts geschieht; prompt erhalten auch solche Menschen automatische Geburtstagsgrüße, die seit Ewigkeiten nichts mehr von ihrer Kirche gehört haben.

Direct Seelsorging gehörte sicher zu den eindrucksvollsten Produkten auf der Credo-Bit ’92, der ersten deutschen Kongreßmesse für Computeranwendung in allen christlichen Kirchen. Sie versammelte am letzten Wochenende in der Stadthalle des hessischen Friedberg zwei Dutzend Aussteller und den Bundespostminister als Schirmherrn. Den rund 300 Teilnehmern begegnete außerdem der „Bausteinkasten Gottesdienst“ für die eilige Textmontage, die Gräberverwaltung „MS-Friedhof“, eine Spendenbuchhaltung namens „Donum“, ein elektronisches Verzeichnis von Posaunenchören, das „Bibelschloß“ – „ein schönes, buntes Bibel-Abenteuerspiel“ für den bildschirmorientierten Konfirmandenunterricht – und so noch vieles mehr.

Stürmen die Glaubensgemeinschaften also ungeniert vorwärts in die neuen Zeiten? Trotz Credo-Bit: Nein. Eher ist von einem zähen Ringen zwischen jahrhundertealten Bürokratien und ein paar geistlichen Computerfreaks zu berichten.

Einer der Vorwärtsgewandten ist Pfarrer Detlef Rose. Alle halben Stunden piept die Armbanduhr des schnurrbärtigen Geistlichen; seine Tasche birgt neben dem Diktiergerät stets einen taschenbuchgroßen Mikrocomputer, der nicht nur 1400 Adressen bereithält, sondern auf Befehl auch Lieder aus dem Kirchengesangbuch vordudelt – hilfreich für jeden, der ohne „besonders tragfähige Stimme“ auf Krankenbesuch geht, wie Rose sagt. Er wurde bereits 1984 als evangelischer „Computerpfarrer von Nürnberg“ von der Presse gefeiert, als Unikum, das seine Predigten mittels Laptopcomputer unterm Apfelbaum verfaßt. 1986 Gründungsmitglied des gemeinnützigen und ökumenischen Vereins Pfarrer & PC e. V., ist er heute noch dessen Vorsitzender.

Der Verein hat 600 Mitglieder – weltweit natürlich. „Wir haben Missionare als Mitglieder, die mit dem tropentauglichen Laptop, zum Teil mit Solarstrom betrieben, herumlaufen“, sagt Rose.

Nicht nur, daß die Pioniere aller christlichen Konfessionen nun ihren ersten Kongreß abgehalten haben, sie sind immer für ihre Ideen entschlossen eingetreten. Sie warben: Schon Paulus habe doch als Briefschreiber „die Medien der Kommunikation seiner Zeit intensiv eingesetzt“. Sie warnten: „Ohne Datenbanken verliert die Kirche ihr Gedächtnis.“ Sie entwickelten Utopien – bis hin zum Altar-Roboter: „Er verschüttet nichts, befleckt keine Hostien und jammert nicht über sein Zölibat.“ Einer der PC-Geistlichen hat über Jahre hin Programme zur Prognose von Börsenkursen entwickelt und sich einen Ruf als Aktienprofi geschaffen.