Von Barbara v. Jhering

Ein Pflasterstein tanzt aus der Reihe. Verräterisch ragt er aus seinem Umfeld heraus, wackelig sitzt er im Sand zwischen den anderen, fest eingepflanzten Steinen der Auffahrt. Da hilft auch kein eiliges Feststampfen; die Reinigungsmaschine, die den Platz fegt, hat es an den Tag gebracht: Hier wurde manipuliert.

Wie schon bei 68 anderen Steinen und demnächst bei jedem vierten der rund 8000 Pflastersteine des Mittelstreifens auf dem Schloßplatz von Saarbrücken. An der Oberfläche sollen sie sich nicht von ihrer Umgebung unterscheiden, sollen unmerklich ihren Platz wieder einnehmen; an ihrer Unterseite aber tragen sie dann eine Inschrift: den Namen eines jüdischen Friedhofs in Deutschland und das Datum des Tages, an dem die betreffende Gemeinde diesen Namen nach Saarbrücken gegeben hat, an die Hochschule der Künste, wo Jochen Gerz mit einer Gruppe von acht Studenten ein „Mahnmal gegen den Rassismus“ realisiert – ein Mahnmal mithin, das unsichtbar ist. Zwar wird es Hinweistafeln geben und wird der Ort vielleicht einmal „Platz des unsichtbaren Mahnmals“ heißen, wenn die Stadtverordneten dem Künstler folgen, doch das Werk muß sich in der Vorstellung des „Betrachters“ formen, durch Wachhalten der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Ein Besuch im Schloß, gleich nach seinem Amtsantritt als Gastprofessor der Hochschule, war der Auslöser für Gerz’ Idee. Seit dem Barock hatte das Schloß immer wieder als Regierungssitz gedient – Fürsten, Franzosen, aber auch den Nazis. Bei Renovierungsarbeiten fand man 1975 im Keller eine Zelle, die der Gestapo für ihre Verhöre gedient hatte. Auf sechs Quadratmetern waren dort zeitweise sechzehn Gefangene eingesperrt, bevor sie verhört, gefoltert, deportiert wurden. Die Zellenwände sind dicht an dicht mit Leidensgeschichten beschrieben, eingekratzt mit dem Fingernagel, mit abgebrochenen Stiften, mit Mauersplittern. Inzwischen sind die Inschriften hinter Glas geschützt und Teil einer ständigen Ausstellung, die die Judenverfolgungen im Saarland dokumentiert.

Über den Schloßplatz gehen im Bewußtsein eines Leidens, das ohne Beispiel ist und das sich der künstlerischen Darstellung mit herkömmlichen Mitteln entzieht, seien sie figürlich oder abstrakt: Der Konzeptkünstler Gerz fand eine Antwort, und er wählte Friedhöfe, nicht etwa Synagogen, für sein Projekt, weil sie nach der jüdischen Religion etwas Unauflösbares, Unzerstörbares sind – die Kontinuität des Lebens selbst. Ihre Grabsteine sind unantastbar, sollten es sein.

„1951 Steine“ lautet der vorläufige Titel der Arbeit, denn so viele Namen haben die Studenten bisher bei den verbliebenen 66 jüdischen Gemeinden erfragt, und das sind beinahe 300 mehr, als sie die offizielle Liste des Zentralrats der Juden in Deutschland aufweist. Viele Friedhöfe sind verfallen, weil es niemanden mehr gibt, der sie pflegen und nach jüdischem Brauch Steine auf die Gräber der Väter und Vorväter legen könnte. Manche sind als Teil christlicher Friedhöfe gar nicht mehr kenntlich, andere wurden überhaupt oder unter Parkplätzen einbetoniert.

Aber warum, so fragten viele Gemeinden, warum nicht lieber eine Tafel mit den Namen aller Friedhöfe? Wäre das nicht würdevoller? Und: Kann man nicht wenigstens die beschriftete Seite der Steine nach oben kehren? Doch Jochen Gerz hat Erfahrung mit Mahnmälern. Seine Bleistele gegen den Faschismus in Hamburg-Harburg – von ihr wird noch zu sprechen sein – wurde selbst Opfer wütender Hakenkreuz-Attacken. Das Unsichtbarmachen sei daher mehr als eine künstlerische Geste, es sei auch ganz real eine „Geste des Schützens“, eine Notwendigkeit gegen den Vandalismus. Zum anderen ist die Unsichtbarkeit Teil des Konzepts und Gerz’ radikalste Form einer langen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit.