Von Barbara Sichtermann

Die Autorin hat nicht vor, sich mit ihrem Essay in die Debatte um die Neufassung des Abtreibungsparagraphen einzumischen; Barbara Duden will mehr: zeigen, wie es dazu kam, daß aus dem Kind im Bauch der "Fötus" oder "ein Leben" wurde, mithin sich das Ungeborene in der Vorstellung und Praxis von Ärzten, Juristen, Theologen, von Müttern, Männern und Öffentlichkeit aus dem Frauenleib herausgelöst und zu einer selbständigen Wesenheit, einem Objekt von Therapien, Rechten, Deutungen und theologischen Spekulationen entwickelt hat. Es ist ja mal ganz anders gewesen. Vormals galt das erwartete Kind als Fleisch vom Fleisch der Mutter und als geheimes Geschenk Gottes im Dunkel des Schoßes. Erst die moderne Technik und Medizin haben es sichtbar und analysierbar gemacht und die Mutter zum bloßen Gefäß, ja schlimmer: zur fehlerhaften, unzuverlässigen, gefährlichen Hülle herabgestuft. Der Fötus, im Zweifelsfall vor der Mutter zu schützen, wohnt scheinbar wärmer und sicherer in der Fürsorge von Biologen, Ärzten, Pastoren und Richtern als im suspekten Uterus.

Was bedeutet es für die Frau, wenn ihr das Kind als "ein Leben", fremd, autonom und von Experten interpretiert, entgegentritt? Barbara Duden spricht von einer "körperbildenden Wirkmacht der Technik". Was sie interessiert, ist "Körpergeschichte", ist insbesondere der Übergang von kinästhetisch-"haptischer Hexis", das heißt einer Befindlichkeit, die ihre Gewißheiten aus inneren Berührungen, erspürten Regungen und Organkonvulsionen bezieht; zu einer "optischen Hexis", die sich über Computergraphiken und vergrößerte Organphotos aufklären läßt und für wirklich nur hält, was sie auch sieht.

Dieses Stück Körpergeschichte demonstriert Duden am Beispiel Schwangerschaft. Sie konfrontiert Aufzeichnungen von Frauenärzten aus dem 18. Jahrhundert mit zeitgenössischen Diagnosen und Zustandsberichten und zeigt daran, wie schwer, ja fast unmöglich es ist, die Frucht von einst mit dem Fötus von heute zu vergleichen, und wie wenig eine "guter Hoffnung" ihre erste Kindsregung erlebende Frau mit der modernen Schwangeren gemein hat, die den erst einige Wochen alten Embryo während der Ultraschalluntersuchung auf dem Monitor begutachtet.

Vor Beginn der Neuzeit konnte von der Existenz eines ungeborenen Kindes nur gesprochen werden, wenn man zuvor die Frau nach ihm befragt hatte. Sie entschied. Erst wenn sie Kindsregungen spürte, fühlte sie sich und galt sie als werdende Mutter. Im Maße, in dem Analyse und Instrumente in die bewohnte Gebärmutter vordrangen, wanderte die Definitionsmacht ab zu jenen Autoritäten, die über Wissen und Stethoskop verfügten. Solange das Kind im Bauch unsichtbar war, konnte nur die Mutter um seine Existenz wissen. Heute braucht eine Frau sich gar nicht schwanger zu fühlen – die Experten zaubern ihr ein fremdes "Leben" auf den Bildschirm und eine harte Verantwortung in die Seele. Lange bevor sie ihr Kind "kriegen" und "haben" wird, ist die moderne Mutter ihm schrecklich fremd – weil die "haptische", im Bauch rumorende Qualität von Schwangerschaft für deren Feststellung nichts mehr bedeutet.

Barbara Duden gehört zu den Sozialwissenschaftlerinnen, die sich in ihre Entdeckungen verlieben und sie mit zärtlicher Hingabe niederschreiben – ohne Einwände vorwegzunehmen und Belege aufzuführen. Sie kämpft nicht gegen einen (fiktiven) Gegner mit anderer Lehrmeinung, sie berichtet in aller Ruhe von Lektüre und Debatte – eine Schreibhaltung, die sich spontaner Sympathien sicher sein darf, tönt doch die allvorfindliche akademische Rechthaberei meist wenig erfreulich. Und doch... Die Beobachtungsgabe, die Deutungslust, die Sanftmut einer Autorin wie Barbara Duden, sie reichen, finde ich, nicht aus, historische Fundstücke so zu ordnen und als Provokation, Kommentar oder Kontrast in unsere Zeit zu stellen, daß das Lesepublikum etwas hat, was es schwarz auf weiß nach Hause tragen kann.

Barbara Dudens Buch hätte in einem klaren theoretischen Rahmen oder in einem harten aktuellen Bezug besser ausgesehen. Der Notwendigkeit eines theoretischen Rahmens enthebt es sein Status als "Essay", einen aktuellen Bezug aber darf, ja sollte ein Essay ruhig herstellen. Ich finde, daß die betonte Distanz, welche die Autorin zu den profanen Kämpfen um den Paragraphen 218, zu Kinderhaben, Familienleben und Verhütung wahrt, daß ihre Weigerung, aus ihren Einsichten eine Summe zu ziehen, die sich – und sei es vermittelt – zu diesen irdischen Turbulenzen in engere Beziehung setzen ließe, ihrem Buch nicht guttun. Sie, die Distanz, die Weigerung, verleihen dem Unternehmen einen Hauch von Luxus: sehr wohl im Sinne des Köstlichen, aber auch im Sinne des Überflüssigen.